RAD-Lager-Poesie Groß Kotzenau 1940
Gemeinde Großkotzenau














Im Jahr 1940 nahm Ursula Stock am Lager des Reichsarbeitsdienstes für Mädchen 9/162 in Groß Kotzenau teil. Es gibt auch andere Zählweisen für dieses Lager. Warum ist mir noch unklar. Möglicherweise wurde jeder Lehrgang gesondert gezählt.
Die "Kameradinnen Arbeitsmaiden" führten zur Erinnerung an diese Zeit ein Poesiealbum, in das sie einander ihre gesammelten Lebensweisheiten eintrugen. Hier eine Auswahl daraus:

Lotte Giebel, Weihnachten 1939:
Nun schweige ein jeder von seinem Leid und noch so großer Not! Sind wir nicht alle zum Opfer bereit und zu dem Tod? Eines steht groß in den Himmel gebrannt: Alles darf untergehn! Deutschland muß bestehen.
Was mag sie sich darunter vorgestellt haben?

G. Pollatzek, 22.1.1940:
Wenn wir die Menschen uns nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter...

Elisabeth Prox, Februar 1940:
Goethe darf natürlich nicht fehlen.

Gerda Sandhof, 4.2.1940
Lebenskunst... Walter Flex

Hildegard -, 16.3.1940:
... Glück und Freude sieht er rings umher...

Erna Leutloff, 26.3.1940:
Nenne nicht das Schicksal grausam, nenne seinen Schluß nicht Neid; sein Gesetz ist ew'ge Wahrheit, seine Güte Götterklarheit, seine Macht Notwendigkeit (Herder).
Es findet sich doch immer ein Dichterwort zur Rechtfertigung.

Annemarie Jagla, März 1940:
... wir müssen nehmen, was kommt und dankbar sein, daß es nichts Schlimmeres ist.
Mit solch fatalistischer Lebenseinstellung hat sie die Katastrophe vielleicht gut überstanden!

Hildegard Jander, März 1940:
Alle Regeln der Erziehung münden in der Selbsterziehung.
In Selbstzensur und Denkverboten.

Anita Bientzle, 11.5.1940:
Des Lebens Sonnenschein ist Singen und Fröhlichsein.
Na, endlich mal was echt Kindliches ohne jeden tieferen Sinn!

Rosemarie Schmidt, 13.2.1940:
Niemals sich selbst aufgeben!
Legte sie einen tieferen Sinn in diese Worte?

Hilde Zumkeller, 30.1.1940:
Deutschland? ... Keiner weiß, wo es anfängt, keiner, wo es aufhört. Es hat keine Grenzen in dieser Welt...
So eine Aussage während des Krieges spricht für sich!

Lotte Tönnies, Januar 1940:
Nicht das macht frei, daß wir nichts über uns anerkennen wollen, sondern eben, daß wir etwas verehren, was über uns ist.
Sie schreibt "ETWAS verehren, was über uns ist"? ETWAS, nicht JEMAND! Verweigert sie sich der Anbetung des Diktators? Oder ist der für sie das große Etwas über ihr?

Hannchen Menzel, Februar 1940:
Noch mal der unverfängliche Goethe.

Anneliese Kadenbach, 26.3.1940:
Wir wollen nichts sein für uns, sondern alles nur für unser Volk...
Und wie lebten die Mädchen nach all den Phrasen am Nachmittag und am Abend?

Irmgard Friedrich, 26.3.1940:
In der Masse genommen, wird sich ein gesunder, kraftvoller Körper auch nur in einem gesunden kraftvollen Körper finden (?)
Keiner hat sich die Mühe gemacht, diesen Unsinn aus unverstandenen Schlagworten zu korrigieren!

Emmi Wandtke, März 1940:
... Laß deine Augen offen sein, geschlossen deinen Mund, und wandle still, so werden dir geheime Dinge kund.
Das war aber gar nicht im Sinne des Diktators!

Die Eintragungen geben neben dem Einblick in das Denken der jungen Frauen auch einige Hinweise auf das Schicksal der Eigentümerin des Poesiealbums. Zu den letzten drei Einträgen in der rechten Spalte ein paar Anmerkungen:

Im Frühjahr 1940 war Ursula Stock also im Schulungslager für RAD-Führerinnen in Groß Kotzenau. Am 17. August 1940 verlobte sie sich mit Helmut während seines Fronturlaubs in Oberschadewalde (Marklissa).

Es ist anzunehmen, dass die beiden kurze Zeit später geheiratet haben. (Worauf sich meine Vermutung gründet, wird in der Zeitungsanzeige ganz unten deutlich.)

Am 20. Februar 1944 wünscht ihr Hans aus Brandenburg, sie möge sich nicht vor Enttäuschungen fürchten, weil sie damit dem (neuen) Glück entsage. Ob Hans nur ein guter Freund, ein Angehöriger oder eine neue Liebe war, erfahren wir nicht.

Im Sommer 1947 schreibt ihr Rudolf ein tiefempfundenes Liebesgedicht! Ein Jahr später heiraten die beiden. Die Anzeige lag in dem Poesiealbum neben seinem Gedicht. Damit erfahren wir endlich den Namen der Eigentümerin. Als RAD-Maid hieß sie Ursula Stock. Sie war verlobt mit Helmut und trug nach der Eheschließung den Namen Kubusch. Am Ende des Krieges war sie - mit wenig mehr als zwanzig Jahren - Witwe.

Im Jahr 1948 heiratete sie in Görlitz Rudolf Hebestreit und trug fortan seinen Namen.

Im Jahr 2012 verscherbelte irgendjemand bei Ebay meistbietend die Erinnerungen an ihr Leben. Das Album hätte auch im Müll landen können... So gelangte es in meine Hände.

Anneliese Zimmer, Januar 1940:
Es ist gänzlich belanglos, was wir heute besitzen. Entscheidend ist nur eins: daß Deutschland siegt!
Und was, als Deutschland nicht siegte?...

Leni Bedičky, 13.3.1940
Wie mag sie sich das vorgestellt haben?

Charlotte Heubaum, 26.3.1940:
Wir Jungen haben die Aufgabe neuen Weg zu finden, neuen Weg zu suchen...
Erst finden, dann suchen?

Margarete Buchelt, März 1940:
Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude. (Tagore) Zeitlose Ermutigung für junge Frauen!

Ilse John, März 1940:
Widerstände sind nicht da, daß man vor ihnen kapituliert, sondern, daß man sie bricht.
Eine der politischen Prämissen Hitlers.
Mit Widerstand riskierte man sein Leben.

Helmut im Fronturlaub am 17.8.1940:
... Mögen diese Worte Dich stets an Deine Verlobung erinnern!
Wenige Jahre später war sie Witwe!

Hans aus Brandenburg, 20.2.1944:
Sich vor Enttäuschungen fürchten, heißt dem Glück entsagen.
Es klingt, als werbe Hans um Ursula, die trotz ihrer Jugend schon Witwe ist.