Kotzenauer Wappen
Erinnerungen des Lehrers Heinrich Thiele (1903-1999)
Kotzenau














Erinnerungen an meine Kotzenauer Zeit
I. Schulische Angelegenheiten

"Was vergangen, kehrt nicht wieder. Aber ging es leuchtend nieder, leuchtet's lange noch zurück!" Dieses Leuchten hat in den vergangenen Jahrzehnten bei mir niemals aufgehört. Als ich 1923 mein 1. Lehrerexamen bestand, gab es so viele Junglehrer, die unmöglich alle im Schuldienst untergebracht werden konnten. Unser Seminardirektor entließ uns mit den Worten: "Ob Sie jemals das Katheder besteigen werden, bezweifle ich sehr. Kümmern Sie sich früh genug um einen anderen Beruf!"

Das war ein schlechter Trost. Ich fand Beschäftigung im Lohnbüro einer Eisengießerei. Diese Tätigkeit sagte mir in keiner Weise zu, viel lieber hätte ich Kinder im Schuldienst unterrichtet. Es bestand für mich nur eine Möglichkeit, in den Schuldienst zu kommen, wenn ich mich um eine Schulstelle in einer Privatschule bewarb, die in der Schwartz'schen Vakanzenzeitung ausgeschrieben wurde. Nach vielen vergeblichen Mühen erhielt ich im Dezember 1924 das Angebot einer Schulstelle an der Höheren Knaben- und Mädchenschule in Kotzenau. Wie mir später einmal der Schulleiter, Herr Kinast, gelegentlich verriet, war ich von 26 Bewerbern um die ausgeschriebene Stelle der glückliche, der sie bekam. Er hatte mich nicht allein wegen meiner Referenzen und musikalischen Fähigkeiten ausgewählt, sondern in der Hauptsache auch deshalb, weil ich Hannoveraner war. Also hatten es ihm die Hannoveraner besonders angetan.

Zwischen Weihnachten und Sylvester 1924 stellte ich mich bei dem Schulleiter und dem Generaldirektor, Herrn Zöller, vor und wurde am 9. Januar 1925 in einer Feierstunde in der Schule in mein Amt eingeführt. In seiner Einführungsrede wies Herr Kinast darauf hin, daß es Aufgabe des Lehrers und Erziehers sei, Licht zu schaffen in der Erkenntnis der Dinge der Welt. Jeder Lehrer hätte ferner danach zu streben, selbst ein Licht zu werden, das Licht ausstrahle, und dann Träger des Lichtes zu sein. Mit Liebe zu den Kindern solle der Beruf ausgeübt werden. Wenn beides zusammenträfe, dann entstünde Leben, selbsttätige Mitarbeit der Schüler. Die leuchtende Sonne des Kinderherzens strahle in das eigene Herz zurück. Licht - Liebe - Leben, dieser Akkord möge mir bei all meiner Schularbeit stets im Ohr klingen.

Abgesehen von den geringen Lehr- und Lernmitteln war die Arbeit in der Schule ideal. Sie lag weit draußen in stiller Abgeschiedenheit. Ein sehr großer Spiel- und Sportplatz war in unmittelbarer Nähe der Schule. Die Schülerzahlen waren mit heutigen Maßstäben gemessen außerordentlich gering, so daß erfolgreiche Schularbeit geleistet werden konnte.

Heinrich Thiele und seine Klasse in Kotzenau

Heinrich Thiele nannte das Bild "Meine Klasse". Da es 15 Kinder sind, könnten es die im folgenden Abschnitt genannten Kinder sein:

Ostern 1924 wurden 15 Lernanfänger aufgenommen (Rudi Bieske, Karl Gorzel, Waldemar Hentschel, Liesel Jäckel, Hans-Jürgen von Jagwitz, Ulrich Jahn, Gerda Kleindick, Ingeborg Kröhne, Kate Krug, Alexander Kubon, Gertrud Kubon (sie ging am 31. 12. 1925 in die Volksschule zurück), Thea Kühnle, Hilde Magnus, Gertrud Ullrich und Giesela Rabanda).
Ostern 1925 waren es nur 8 Lernanfänger (Horst Brunn, Hilde Klupsch, Ellen Kröhne, Manfred Kronstein, Dieter Raasch, Friedel Renner, Liesel Schulz und Inge Scholz).
Ostern 1926 wurden 3 Schulanfänger aufgenommen (Elfriede Körnig, Hans Gorzel und Heinz Hoffmann).
Ostern 1927 kamen 12 Lernanfänger (Werner Baum, Herbert Brunn, Gerd Frank, Irmgard Hürrich, Christa Koch, Rudi Krause, Eberhard Orbens, Werner Pawlitz, Rosemarie Schäfer, Lieselotte Talke, Gerd Zöller, Ruth Sievers - in die Oktava trat Irmgard Orbens ein).

Außer Fräulein Schmidt und Herrn Kiesewetter bestand das Lehrerkollegium aus jungen Lehrkräften, die sich untereinander sehr gut verstanden (Herr Frentz, Frl. Neuber, Frl. Stettier, Frl. Porepp, Herr Hartert, Herr Riedel, Herr Lange, Herr Platzke und ich). Leider aber wurde sehr oft gewechselt. Frl. Porepp ging am 31.3.1927 nach Berlin. Für sie kam Herr Dittrich, der aber schon am 30.9.1927 als Hilfslehrer an die Schule in Eichau, Kreis Freystadt, einberufen wurde. Für ihn kam am 1.10.1927 Herr Johannes Platzke aus Braunschweig als Ersatz.

Herr Frentz hatte an der Schule seine 2. Lehrerprüfung abgelegt, die zur endgültigen Anstellung im Staatsdienst berechtigte. Das war auch mein Ziel. Nun hieß es tüchtig arbeiten. Ich nahm an der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft für Junglehrer teil, die Herr Rektor Oertel leitete. Es glückte mir recht bald, in einen sehr kleinen Kreis älterer Lehrer aufgenommen zu werden, die häufig zusammenkamen, um sich weiterzubilden. Auf diese Weise lernte ich Lehrer Schild in Neudorf kennen. Er erlaubte es mir, nachmittags in seiner "Halbtagsschule" seinem Unterricht beizuwohnen. Lehrer Schild war ein wahrer Pestalozzi und in unterrichtlicher Hinsicht seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Dieser gottbegnadete Lehrer unterrichtete damals schon nach Unterrichtsgrundsätzen, die erst heute von jedem Lehrer verlangt werden; um beispielsweise nur einen zu nennen: die Sachbegegnung im Unterricht. In seiner Schule erhielt ich das Fundament für meinen Lehrerberuf. Sein Beispiel stand mir während meiner gesamten Schulzeit stets vor der Seele. Seiner werde ich mich immer in Liebe und Dankbarkeit erinnern! Er war in jeder Hinsicht ein vorbildlicher Lehrer und Erzieher.

Herzliche Freundschaft verband mich auch mit vielen Kollegen der Volksschule und den Kollegen der Nachbarschulen. In Kotzenau fand ich freundliche Aufnahme bei den Familien Metze, Schulz und Liske. Manchen Klönschnack gab es in den Lehrerhäusern der Nachbarschulen: Erich Büttner in Seebnitz, Fritz Steglich und Helmut Niepel in Parchau, Lehrer Zwirner, Kriegheide, und Niedergesäß in Groß-Kotzenau Lehrer Hübner und Weniger in Kotzenau-Sand, Lehrer Hörner in Klein-Kotzenau (Gutsschule), Lehrer Schirmer in Kriegheide, um nur einige zu nennen.

Ich unterrichtete die beiden Anfängerklassen (Nona und Oktava), erteilte Mathematik- und Physikunterricht in den Abgängerklassen und leitete den Schulchor. Ich sehe sie noch heute leibhaftig vor mir, den Georg Thoma, die Lotte Rampold und die Ruth Peschel in der Obertertia, wie ihnen bei dem von ihnen erfundenen "Punktrechnen" die Köpfe rauchten. Ich sehe noch, wie ihnen die Schweißperlen von den Stirnen rannen, weil sie sich so sehr ereiferten aus Freude und innerer Erregung beim Einheimsen von Punkten. - Im Musikunterricht hatte es mir Margot Wärschky angetan. Sie hatte eine solch herrliche Singstimme, wie ich sie bei keinem Mädchen während meiner gesamten Schulzeit kennengelernt habe. Das wunderbare Vibrato ihrer Stimme liegt mir noch heute im Ohr. Leider verstarb sie am 28. Januar 1927 nach nur zweitägigem Krankenlager in Liegnitz. Ihr zu Ehren sang der Schulchor an ihrer Gruft nach der ergreifenden Trauerrede von Herrn Pastor Wahn über ihren Konfirmationsspruch. Lebte sie heute noch, dann hätte sie den berühmtesten Sängerinnen der Welt zugerechnet werden müssen. Ihre Stimme war einmalig!

Ich hatte in meiner Freizeit mich viel mit meinen Schülern der Nona/Oktava beschäftigt. Wenn es das Wetter erlaubte, machten wir kleine Wanderungen in die Umgebung. Sie gestalteten das Lehrer-Schülerverhältnis immer inniger. Eine Zeitlang wohnte ich in der Schule. Im Internat der Schule wohnte Hans-Jürgen von Jagwitz. Wenn er es ermöglichen konnte, war er bei mir, kletterte auf meinen Schoß und bat mich, ihm Märchen zu erzählen. Ich tat es, weil ich immer einen sehr andächtigen Zuhörer hatte. Ich hatte Gelegenheit, recht tief in die Kinderseele zu schauen, und konnte meine psychologischen Kenntnisse sehr erweitern. Zwei Geburtstagsbriefe in meiner Mappe von Gerd Zöller und Rudi Krause sind für mich eine Kostbarkeit, ebenfalls das Foto von Gretel Bieske, das sie mir beim Abschied schenkte.

Hin und wieder besuchte Herr Schulrat Martwig meinen Unterricht. Im Gegensatz zu vielen heutigen Schulräten war er den Junglehrern ein wahrer väterlicher Freund. Unseren Schulleiter mochten wir Junglehrer alle nicht gern. Anscheinend war er nie mit sich selbst zufrieden. Er hatte Theologie studiert. Wegen seiner Schwierigkeiten im Predigtamte hatte er seinen Beruf aufgegeben und wurde Schulleiter. Das Lehrerkollegium verhielt sich ihm gegenüber sehr reserviert. Wir fühlten uns am wohlsten, wenn wir ihn nicht sahen. Er war Junggeselle. Seine Schwester führte ihm den Haushalt. Auch bei den Schulkindern war er wenig beliebt. Wir waren immer froh, wenn die Lehrerkonferenz zu Ende war, denn hinterher fühlten wir uns freier und erlöst.

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie wir alle nach einer Lehrerkonferenz im wonnigen Mai bei Vollmondschein einen Waldspaziergang machten (ohne Schulleiter). Jung und froh, wie wir eben waren, trugen wir einen im Walde aufgemeterten Holzstapel ins Dickicht, um ihn dort zu verstecken. Am nächsten Tage las man von der Freveltat in der Zeitung. Man schimpfte natürlich auf die böse Jugend - und damals hat es niemand erfahren, daß es die Lehrer waren! Ich selbst hatte nämlich den Artikel für die Zeitung aufgesetzt (damals war ich Reporter für mehrere Zeitungen). Ich hatte dadurch schöne Nebeneinnahmen zur Aufbesserung meines Gehaltes. Für den ganzen Monat erhielt ich 90 RM. Für Kost und Logis zahlte ich 80 RM! Es blieb also nicht viel übrig für die Anschaffung von Büchern, Rauchwaren usw. - Dieses "fürstliche Gehalt" wurde im 3. Dienst jähr auf 130 RM aufgebessert.

Lehrer Hartert wohnte bei Mutter Fritsche, Lehrer Riedel bei Mutter Jäckel. Beide Schulmeister waren keine Spaßverderber und immer zu lustigen Streichen aufgelegt. Ich darf da heute getrost aus der Schule plaudern. Kollege Hartert aß für sein Leben gern Pudding. Im Namen seines Freundes Riedel schickte er frühmorgens ein Schulkind zu Mutter Jäckel und ließ bestellen - ohne daß Kollege Riedel etwas davon wußte -, Herr Riedel erwarte zu Mittag Besuch. Sie möchte für zwei Personen Pudding herrichten. Und Mutter Jäckel tat wie befohlen. Wie zufällig besuchte nun Kollege Hartert seinen Kollegen Riedel und war erfreut, daß seine Lieblingsspeise auf dem Tisch stand. Er sprach dem lukullischen Genuß sehr zu. Natürlich waren weitere Neckereien die Folge.

Private Höhere Knaben- und Mädchenschule Kotzenau

Private Höhere Knaben- und Mädchenschule Kotzenau

Zu allen Schülern hatte ich ein gutes Verhältnis. Darüber war unser Schulleiter erbost. Er war darauf bedacht, mich loszuwerden, und erreichte beim Generaldirektor der Marienhütte, daß mir die Kündigung ausgesprochen wurde. Als ich Herrn Forstmeister Bruhn gelegentlich eines Besuches davon Mitteilung machte, war er über alle Maßen außer sich. Er berief sofort eine Elternversammlung ein, um Einspruch gegen die Kündigung zu erheben. Das gesamte Kollegium und der Schulleiter wurden zu einer Aussprache beim Herrn Generaldirektor Zöller gebeten. Herr Kinast sollte die Gründe nennen, die ihn veranlaßt hatten, mir die Kündigung aussprechen zu lassen. Seine vorgebrachten Gründe waren lächerlich. Das Kollegium stand hinter mir. Am Abend wurde mir mitgeteilt, daß die Kündigung zurückgenommen sei. Leider war aber meines Bleibens nicht mehr lange. Die Regierung in Hannover forderte mich auf, meinen Privatschuldienstvertrag zum 1. 4. 1928 zu kündigen, weil ich den Staatsdienst übernommen werden wollte. Es gelang mir, meinen Bruder Alexander Thiele als Ersatzmann zu stellen, bis auch er in den Staatsdienst übernommen wurde.

II. Die liebenswerten Menschen

Einen Tag vor meiner Antrittsvisite beim Schulleiter und dem Schulunterhaltungsträger war ich in Kotzenau eingetroffen. Die Fahrtkosten und die Kosten für die Übernachtung im Hotel Schneider trug die Marienhütte. Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, trank ich in der Gaststube ein Glas Bier. An dem großen, runden Tische, über dem ein riesiges "Aufschneidemesser" mit der Aufschrift "Jagen 38" unter der Zimmerdecke hing, saßen die "Grünröcke" des Grafen von und zu Dohna. Es dauerte kaum 5 Minuten, als ein Förster an meinen Tisch trat und mich bat, ich möchte mich zu ihnen setzen. Ich kam seinem Wunsche nach. Nach den Fragen nach dem "Woher" und "Wohin" wurde ich in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Die Stunden vergingen schnell in Fröhlichkeit und angeregter Unterhaltung. Dieses Erlebnis hatte mich sehr beeindruckt. Zum ersten Male stellte ich fest, daß die Schlesier doch ein ganz anderer Menschenschlag waren als die steifen, verschlossenen und sich gern isolierenden Hannoveraner. Immer wieder erlebte ich die Schlesier als allzeit fröhliche, gesellige und liebenswerte Menschen. In ihrer Nähe mußte sich jeder wohlfühlen.

Die Marienhütte hatte mir liebenswürdigerweise bereits ein Quartier besorgt bei der Witwe Schmidt in der Gartenstraße 3. Frau Schmidt nahm mich in ihre Obhut und ersetzte mir die Mutter. Sie stand mir stets mit Rat und Tat zur Seite und verschaffte mir ein Zuhause, so daß mir die Trennung von meiner Heimat nicht bewußt wurde. Ich denke oft mit Dankbarkeit und Liebe an meine Wirtin. Ihr verdanke ich sogar mein Leben. Als ich einmal 8 Tage vor Beginn des Unterrichtes nach den Sommerferien aus meiner fernen Heimat nach Kotzenau zurückgekehrt war, erfuhr ich nach meiner Ankunft, daß abends ein Tanzvergnügen veranstaltet wurde. Da durfte ich ja nicht fehlen. Frau Schmidt riet mir ab. Ich sei von der Fahrt doch sehr ermüdet und sollte mich früh schlafen legen. Ich folgte widerwillig ihrem Rat. Am andern Morgen teilte sie mir mit, daß der Vertreter der Klavierfabrik Seiler, Herr Wandel, nach dem Tanzvergnügen auf der Heimfahrt nach Liegnitz kurz vor Reisicht sich mit seinem Auto überschlagen habe und tödlich verunglückt sei. Hätte ich Herrn Wandel auf dem Vergnügen getroffen, dann wäre ich bestimmt mit ihm nach Liegnitz gefahren. So entging ich meinem sicheren Tode.

Die Aufgeschlossenheit der Elternschaft für schulische Fragen hat meine Schularbeit sehr gefördert. Bei jeder Gelegenheit versuchten sie, Kontakt mit den Lehrkräften der Schule zu bekommen. Als unverheirateter Lehrer wurde ich dann und wann von ihnen sonntags zum Mittagessen eingeladen. Ich führte regelrecht einen Terminkalender, weil ich immer viele Vorbestellungen hatte. Meistens war ich auch nachmittags Gast in der Familie. Selbstverständlich wurde ich auch manchmal beim Schulleiter zum Essen eingeladen. Bei ihm gab es regelmäßig das schlesische Nationalgericht "Schlesisches Himmelreich". Die Klöße bekamen mir aber nicht, sie lagen mir stets zu schwer im Magen. So war die Freude über seine Einladung immer zweifelhafter Natur. Beim Forstmeister Bruhn dagegen gab es stets Wildbret. Manchmal lud er mich auch für den Sonntagnachmittag zur Pirsch ein, oder er öffnete seine Truhe und zeigte mir seine unzähligen Fotos, die er im 1. Weltkriege als Aufklärungs- und Kampfflieger gemacht hatte. Da vergingen die Stunden wie im Fluge. Sehr gern erinnere ich mich der Sonntagnachmittage im Hause Rampold (siehe Bild). Hier hatte ich förmlich Familienanschluß und fühlte mich sehr wohl. Mein Rundfunkgerät sorgte für Musik und Unterhaltung.

Familie Rampold

Ich müßte nun hier eine lange Liste aufzählen, wenn ich alle Familien nennen sollte, wo ich sonntags zu Gast war. In der Gastwirtschaft Reinsch aß ich zu Mittag im Abonnement. Ich sehe die kräftige Gestalt des Wirtes noch vor mir, als er sich vorstellte: "Reinsch heiß ich!" In den Familien Tschierske und Kronstein verkehrte ich wie zur Familie gehörig.

In meiner Freizeit erteilte ich mehreren Schülern Musikunterricht. Wenn im Hause Egidi die Klavierstunde beendet war, dann spendierte Vater Egidi regelmäßig eine echte Senussi-Zigarette, das Stück zu 10 Pfennig. Mein Geldbeutel erlaubte mir nicht, einen solchen edlen Tabak zu rauchen. Das war ein Genuß! - Bei unserm Arzte, Herrn Dr. med. Frank, erteilte ich ebenfalls Klavierunterricht. Sein Sohn übte besonders intensiv. In seiner Stube fiel meine Entscheidung: ..Wenn ich mir einmal ein Klavier kaufe, dann nur eins der Firma Seiler, Liegnitz." Das Klavier wurde viel gespielt. Obwohl es schon mehrere Jahrzehnte alt war, hatte es einen leichten Anschlag und einen hervorragenden Klang.

Ich besaß einen Presseausweis für mehrere Tageszeitungen in Liegnitz, Haynau, Lüben und für das Kotzenauer Stadtblatt. Als Reporter verdiente ich mehr Geld, als mein Lehrergehalt betrug. So konnte ich es später dann auch wagen, ein Klavier zu kaufen, weil die Ratenzahlungen gesichert waren. Jetzt spielen meine Großkinder auf meinem Klavier, das sich bis heute seinen hervorragenden Klang bewahrt hat. Als Reporter erhielt ich die Einladungen zu den Innungsquartalen. Ich wurde als Gast herzlich aufgenommen und kostenlos bewirtet. Weil die Zeitungsberichte immer im Sinne des Vorstandes abgefaßt wurden, war ich gern gesehen. Diese Innungsquartale brachten Abwechslung in das Einerlei des Alltags und belasteten meinen Etat in keiner Weise. Als junger Lehrer mit geringem Einkommen mußte ich mit jedem Pfennig rechnen.

Bei Schneidermeister Stuhl ließ ich mir einen neuen Anzug anfertigen. Vor dem Fenster seiner Schneiderwerkstatt hatte er seinen Bienenstand. Jedesmal, wenn ich zur Anprobe kam, stand ich lange vor dem Fenster und sah dem lustigen Treiben der Bienen zu. "Herr Thiele, ich merke, Sie haben Interesse an den Bienen. Sie müssen Imker werden! Von mir bekommen Sie den ersten Schwarm, und einen leeren Bienen-Kasten besorge ich Ihnen kostenlos von einer Fabrikbesitzersfrau, deren Bienenstand ich betreue. Sagen Sie ja!" So hatte ich bald Bienen und bin auch Imker geworden. Herr Stuhl konnte damals nicht ahnen, daß die Imkerei später mein Hobby geworden ist. In der Heimat hatte ich nach meiner festen Anstellung im Staatsdienste einen großen Bienenstand mit 60 bis 80 Bienenvölkern. In Celle legte ich sogar meine Imkermeisterprüfung ab. Im Vorstande des Landesverbandes Hannoverscher Imker war ich 30 Jahre tätig. 30 Jahre war ich Vorsitzender des Kreisimkervereins Neustadt am Rübenberge. Als Imkerschriftsteller in der "Nordwestdeutschen Bienenzeitung" und in der "Leipziger Bienenzeitung" habe ich mir einen Namen gemacht. Herr Stuhl muß in mir Imkerblut entdeckt haben. Damals wußte ich noch nicht, daß meine Vorfahren Berufsimker in der Lüneburger Heide gewesen waren. Mein schlesisches Bienenvolk, das mir Herr Stuhl später nachschickte, war der Anfang meines Bienenstandes. Wie gern hätte ich heute Herrn Stuhl aus tiefer Dankbarkeit die Hand gereicht! Sicherlich wäre er sehr stolz auf seinen ehemaligen Imkerschüler.

Der Gesangverein "Einigkeit" und der gemischte Chor "Einigkeit" hatten keinen Dirigenten. Die Vorstände beider Vereine traten an mich heran mit der Bitte, die Chormeisterstelle zu übernehmen. Ich nahm an. Erst später konnte ich feststellen, welch schöne und herrliche Aufgabe ich damit übernommen hatte. Applaus bei Konzerten in vollbesetzten Sälen, bei Stiftungsfesten, die Fahrten zu Sängerfesten in Liegnitz, Goldberg, Glogau, zur Bundesversammlung des Niederschlesischen Sängerbundes in Löwenberg, Ständchen bei besonderen Anlässen waren der Lohn für die Mühen. Mein Freundeskreis erweiterte sich von Tag zu Tag. Wie stolz war ich damals als junger Mensch, als der Vorsitzende, Herr Karl John, und die übrigen Mitglieder des Vorstandes mir das "Du" anboten.

Ich hatte einen neuen Freundeskreis im Gesangverein "Einigkeit" gefunden. So ganz beiläufig hatte ich dem Vorsitzenden Karl John verraten, daß ich mir am 8. November 1925 bei der Firma Seiler/Liegnitz ein Klavier gekauft hätte. Herr Kiesewetter half mir bei der Auswahl. Täglich war der Vorsitzende als Kundschafter auf dem Bahnhof. Als es am 12. November eintraf, alarmierte er den Vorstand: die Sangesbrüder Gehlich, Strempel, Horka. Ein Tischlerwagen wurde besorgt, auf den das Klavier verladen wurde. In den späten Nachmittagsstunden klopfte es an meine Tür: "Heinrich, wir wollen dir dein Klavier bringen!" Unbeschreibliche Freude erfüllte mein Herz! Das war treue Kameradschaft! Selbstverständlich wurde das Ereignis in gebührender Weise "begossen". Mit Musik und Fröhlichkeit vergingen nicht nur die Nachmittagsstunden, sondern auch der Abend. Frau Schmidt sorgte in rührender Weise für das leibliche Wohl meiner Gäste.

Der Männerchor übte in der Gastwirtschaft Tschierske, der Gemischte Chor in der Gastwirtschaft Kronstein in der Primkenauer Straße. Die Übungsabende waren stets sehr gut besucht. Auch die Geselligkeit wurde in beiden Vereinen bestens gepflegt. Die Ausflüge in die Umgebung von Kotzenau trugen sehr dazu bei, daß der Zusammenhalt immer enger wurde. Der Gesangverein "Marienhütte" hielt seine Übungsabende im Hotel Schneider ab. Er war kein Konkurrenzunternehmen, im Gegenteil! Als Herr Kantor Stahr, der Dirigent des Vereins, lange Zeit krank zu Bett lag, habe ich seine Vertretung übernommen, auch als Organist. Von den Geburtstagsgeschenken benutze ich täglich die Papierschere mit eingravierter Widmung, die ich am 10. Februar 1927 vom Gemischten Chor erhielt. Auch die Briefwage erinnert mich an schöne Stunden im Kreise des Gemischten Chores.

Ein besonderer Festtag war das 40jährige Stiftungsfest des Gesangvereins. Herr John konnte die alten Chormeister des Vereins willkommen heißen: Kantor Opitz, Lehrer Max Liske und Herrn Kiesewetter. Nach dem Liede "Brüder, reicht die Hand zum Bunde" gab ich einen Rückblick auf die Geschichte des Vereins. Danach gratulierte der Gauschriftführer des Niederschlesischen Sängerbundes, Herr Michaelis, dem Verein und ehrte im Namen des Gaues den Ehrenvorsitzenden, Modelltischler Werner, und den Former Hermann Wilhelm für 40jährige Vereinstreue und die Sangesbrüder Paul Grundmann, Paul Brendel und Paul Rendke für 25-jährige Zugehörigkeit zum Verein. Das Programm des Abends bestand aus a-capella-Chören aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Alle Chöre wurden tonrein und mit gutem Ausdruck vorgetragen. "Die gute Schulung in Aussprache und Stimmbildung ist auf den großen Fleiß zurückzuführen. Der Gemischte Chor zeigte sich in zwei Liedern von der besten Seite. Lehrer Thiele legte damit alle Ehre ein" - so berichtete ein auswärtiger Reporter. Reichen Beifall fanden auch die Trio-Darbietungen von Lehrer Platzke (Geige), Lehrer Zwirner (Cello) und Lehrer Thiele (Klavier). Zwei Musikstücke mußten wegen des reichen Beifalls zugegeben werden. Den Abschluß bildete ein gut gespieltes Singspiel "Was die Schwalbe sang". Ehe zum Tanz aufgespielt wurde, hielt ich ein kurzes Referat über das deutsche Volkslied.

Als nun feststand, daß ich wegen meiner Einberufung in den Staatsdienst Kotzenau verlassen mußte, gaben mir der Männergesangverein und der Gemischte Chor einen Benefizabend, um mich zu ehren und um mir zu danken. In meiner Abschiedsrede wies ich darauf hin, daß ich mit stiller Wehmut und Trauer an die Scheidestunde gedacht hätte, die mich diesem lieben und treuen Freundeskreis entführen würde. In die fröhliche Harmonie der Jahre sei nun mit einem Male ein ernster, weher Klang hineingekommen. Scheiden und Meiden tut dem Herzen so weh. Andere Städtchen, andere Bekannte, doch die alten Freunde sind es nicht!

Besuch bei Malermeister Riedel in der Gartenstraße 3a

Besuch bei Malermeister Riedel in der Gartenstraße 3a

Als ich am andern Morgen in der Frühe abfuhr, traute ich meinen Augen nicht. Beide Vorstände waren vollzählig auf dem Bahnhofe zum Abschied erschienen, jeder mit einem Blumenstrauß in der Hand. Ich konnte die Sträuße kaum umfassen. Tränen, die beim Abschied geweint wurden, flössen aus aufrichtiger Rührung: "Heinrich, wann sehen wir uns wieder?" klagte der Vorsitzende. Meine Zeit in Kotzenau gehört zu den schönsten Zeiten in meinem Leben.

Nun, ich kann es nicht verhehlen, mein Herz hatte ich nach kurzer Zeit in Kotzenau verloren. Des Gastwirts Töchterlein hatte es mir angetan. Erna Tschierske war ein herziges, goldiges Mädel, so recht nach meinem Wunsche. Zu gern hätte ich sie als Braut heimgeführt. Viele fröhliche Stunden habe ich im Hause Tschierske verbracht. Es sollte aber nicht sein. Ihre Absage - vor meinem Abschied - hat mich nicht überrascht. Eine Kartenlegerin hatte es mir vorher prophezeit. An sich halte ich nichts vom Kartenlegen. Um so mehr habe ich mich gewundert, daß beide Prophezeiungen eintrafen. Die Kartenlegerin verriet mir, daß ich mit dem Schulleiter eine böse Auseinandersetzung haben würde, aber als Sieger aus dem Streite hervorginge. Es handelte sich um meine Kündigung, die zurückgenommen wurde auf Betreiben der Elternschaft. Ferner sagte sie mir, daß meine Freundschaft mit einem jungen Mädchen in die Brüche gehen würde. Aber sehr weit von hier würde ich ein sehr junges Mädchen kennenlernen, das ich heiraten würde. Auch das traf ein. Meine Frau ist 8 Jahre jünger als ich. Mit 18 Jahren lernte ich sie kennen, verlobte mich mit ihr, als sie 19 Jahre alt war, und heiratete sie ein Jahr später. Ich kann den Entschluß von Gastwirts Töchterlein verzeihen. Wer wollte schon mit dem "Rattenfänger von Hameln" in dessen ach so ferne Heimat ziehen? So ist mir nur eine liebe Erinnerung geblieben an die Zeit, wo das Auge den Himmel offen gesehen hat.

Alle liebenswerten Menschen in Kotzenau habe ich ins Herz geschlossen. Sie sind aufrichtig, fröhlich und gesellig. Politik interessierte die Kotzenauer nicht im geringsten. Das bewies der Fahnenmast vor dem Rathause. Er stammte noch aus der "Kaiser-Zeit" mit seinem schwarz-weiß-roten Anstrich. Wie oft wurde wohl an ihm die schwarz-rot-goldene Fahne hochgezogen? Niemand nahm Anstoß daran. Jedermann hatte sein Auskommen, seinen Beruf, Verein, seine Freizeitbeschäftigung. Politik war nicht gefragt.

III. Die schlesische Landschaft

Wenn ich in meinen Ausführungen bereits über schulische Angelegenheiten und über die liebenswerten Menschen Kotzenaus näher berichtete, so war das nur ein Ausschnitt; mit diesem Kapitel folgt meine letzte Betrachtung.

Die Lehrerin Fräulein Schmidt war uns eine liebe Kollegin. Infolge Erreichung der Altersgrenze schied sie leider schon nach einem Jahre aus dem Schuldienst der Höheren Knaben- und Mädchenschule aus. Durch ihren goldenen Kneifer hindurch sah sie die Welt immer im rosigen Lichte. Sie war ein unscheinbares Persönchen, das in aller Stille seine Schularbeit verrichtete. Niemand sah ihr an, daß sie auf ihren Fachgebieten der Botanik und Zoologie eine Kapazität allerersten Ranges war. Ich hatte das Glück, daß sie mich häufig einlud zu ihren Wanderungen in der Umgebung von Kotzenau. Ich bin in der Stadt groß geworden, deshalb fehlte mir die Verbindung zur Natur. Meine botanischen und zoologischen Kenntnisse waren mehr als mangelhaft. Durch Fräulein Schmidt erhielt ich eine Schulung auf diesen Gebieten, wie sie besser nicht sein konnte. Ich durfte fragen, so viel ich wollte. Immer gab sie mir bereitwillig und geduldig Antwort. Ich lernte so die Lebensgemeinschaften der Pflanzen kennen. Fräulein Schmidt war das wandelnde Lexikon. Es gab keine Pflanze, und war sie noch so unscheinbar, die sie nicht mit Namen kannte. Die Umgebung Kotzenaus wurde für mich immer anziehender durch die ungemeine Bereicherung meiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse.

Anläßlich ihres Scheidens aus dem Schuldienst erhielt meine Kollegin ein Album mit den schönsten Fotos der Umgebung Kotzenaus. Die Herstellung der Fotos übertrug mir das Kollegium, weil ich auf diesem Gebiete zuhause war. Nach ihrer Pensionierung wohnte Fräulein Schmidt weiterhin im Schulgebäude. Meine Liebe zu Pflanzen und Tieren in der Natur wurde in Kotzenau derart geprägt, daß ich mich später dazu entschloß, meinen Schuldienst nur auf dem Lande auszuüben. Glänzende Angebote als Lehrer in der Stadt habe ich zur Verwunderung meiner Kollegen ausgeschlagen. So hat Fräulein Schmidt damals unbewußt mir meinen Lebensweg vorgezeichnet. Meine Arbeit als Dorfschullehrer hat mich immer voll befriedigt. Ich war nicht nur für die Schule da, sondern auch für alle Sorgen und Nöte der Dorfbewohner.

Eine Sternstunde erlebte ich in Kotzenau im Lehrerverein, als Kollege Thiel aus Liegnitz seinen Vortrag hielt: "Die schlesische Landschaft in der Lehrerdichtung." Aus den Werken von Hermann Stehr und Paul Keller hatte Kollege Thiel mosaikartig Aussprüche der Dichter zu einem Gesamtbilde mit bewundernswerter Akribie zusammengetragen. "Wer den niederschlesischen Kiefernwald verstehen will, der muß Arme haben zum Rudern, sonst ertrinkt er in Wehmut und in Schmerz!" Wir alle hingen damals wie gebannt an seinen Lippen, weil er ein Meister seines Faches war. Durch seinen Vertrag wurde ich in die Heimatkunde Schlesiens eingeführt in einer Weise, wie ich sie durch das Studium der vorhandenen Literatur niemals hätte kennenlernen können. Damals fixierte sich bei mir die Freude darüber, daß es mir vergönnt war, diese schöne schlesische Landschaft erleben zu dürfen. Wie gern hätte ich heute den Text seines Vortrages!

Mehrere Male hatte ich die Freude, daß mich Herr Kaufmann Wiedner einlud, meine Ferien in Goldberg zu verleben, als Gast in seinem Hause. Anläßlich des Sängerfestes in Goldberg war ich bei ihm einquartiert. Die damals geschlossene Freundschaft war von Dauer. Herr Wiedner stellte mir seine Dunkelkammer kostenlos zur Verfügung. Mit seinem Sohne erwanderte ich die Umgebung Goldbergs mit meiner Fotokamera. Goldberg ist die Wirkungsstätte des Pädagogen Trotzendorf. Von ihm erzählte man, daß er seine Volksschulkinder so sehr gefördert habe, daß sie sich in lateinischer Sprache unterhielten. Das Trotzendorf-Denkmal in Goldberg erinnert noch an sein Wirken. In mancher Hinsicht ist Trotzendorf mir Vorbild geworden.

Für die kurzen Ferien zu Ostern, Pfingsten und Herbst lohnte sich die Geldausgabe nicht für die Reise in meine Heimat. Dann war das Riesengebirge mein Reiseziel. Mein Standquartier bezog ich bei der Tante meiner Wirtin, Frau Jeratsch in Arnsdorf bei Krummhübel. Frau Jeratsch war eine betagte Dame. Ihre aristokratische Haltung hat mich stets beeindruckt. Jedesmal, wenn ich sie besuchte, war die Freude groß. Besonders glücklich war ich, daß ich "Tante" zu ihr sagen durfte. Von Arnsdorf aus ging es ins Gebirge. Die Wanderziele wurden festgelegt. Meine Wanderkarte war mein treuer Begleiter. Wohl ein Halbdutzendmal war ich auf der Schneekoppe. Auch den Aufstieg durch den Melzergrund habe ich gewagt. Auf der Koppe hatte ich einmal ein Erlebnis besonderer Art. Tief unter mir hatte sich ein Gewitter zusammengebraut. Die Blitze zuckten in den Wolken unter mir, der Donner rollte, während auf dem Gipfel der Koppe das volle Sonnenlicht mich umflutete.

Schulausflug der Höheren Knaben- und Mädchenschule zu Kotzenau im Jahr 1922. Rast vor dem Aufstieg zur Schneekoppe.
Irgendwo auf dem Bild sind Charlotte Sklorz geb. Rampolt und Erna Tschierschke... Wer weiß mehr Namen?

Meinen Spazierstock zieren heute noch die Stocknägel der Bauden, die ich besuchte: Schlingelbaude, Prinz-Heinrich-Baude, Peterbaude, Hampelbaude, Schneegrubenbaude, Riesenbaude, Spindlerbaude, Schlesierhaus, Melzergrundbaude, Kleine Teichbaude. Selbstverständlich habe ich auch in vielen anderen Bauden Rast gemacht, ohne jedoch einen Stocknagel zur Erinnerung zu kaufen. Das Riesengebirge hat mich sehr beeindruckt, weil ich zum ersten Male in meinem Leben so gewaltige Felsbildungen zu sehen bekam und die Urgestalt der Natur emotional erlebte. Die Umgebung des Kleinen und Großen Teiches mit ihrer Einsamkeit waren für mich ganz besondere Anziehungspunkte.

Über die Schneeekoppe verlief die deutsch-tschechische Grenze. Die deutsche und die tschechische Baude auf der Koppe sind nahe beieinander. Beide Bauden unterschieden sich nicht nur an der Aufmachung, sondern vor allem in den Preisen. In der tschechischen Baude waren die Speisen und Getränke wesentlich billiger. Aus diesem Grunde wurde sie auch von anderen Wanderern besonders gern aufgesucht. Beide Bauden gehörten aber ein und demselben Besitzer, dem Herrn Pohl. Wie das möglich war, ist mir ein Rätsel geblieben.

Andere Reiseziele waren die Burgruine Kynast und die Heimat Gerhart Hauptmanns, Agnetendorf, Hermsdorf. In der Kirche Wang nahm ich an einem Pfingstgottesdienst teil, mit meinem Rucksack auf dem Rücken und meinem Wanderstocke in der Hand. Vor meinem Fortgehen habe ich die kleine Fensterscheibe wieder geschlossen.[Wer kennt den Brauch und kann diese Geste erklären?]

Auf meinen Wanderungen im Gebirge begegnete ich oft den Lastenträgern mit ihren Tragegestellen auf dem Rücken. Ich habe sie wegen ihrer schweren Arbeit stets bedauert. Die Versorgung der Bauden mit Lebensmitteln, Getränken und Wasser war ihre Lebensaufgabe. Aber wer dachte schon daran, daß man erst durch ihre Tätigkeit ein Zuhause in den Bauden hatte. Ich wäre gern einmal dem Rübezahl begegnet, doch das Glück hatte ich nie!

Als das Deutsche Sängerfest in der Jahrhunderthalle in Breslau veranstaltet wurde, habe ich mich unter das Volk gemischt, um das Konzert so recht genießen zu können. Meine Sänger standen auf dem Podium. Man schätzte die Zahl der Sänger auf etwa 5000. Sie sangen mit Orgelbegleitung den Beethovenschen Chor "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". War das ein Erlebnis! Diesem "Ewigen" bin ich im Riesengebirge auf Schritt und Tritt begegnet, denn in der großen Einsamkeit fühlt sich der Mensch Gott am nächsten.

3 Jahre war ich in Kotzenau. Land und Leute habe ich in dieser Zelt liebgewonnen. Wie oft ertappe ich mich dabei, daß meine Gedanken fortgeeilt sind an meinen früheren Wirkungskreis. Schlesien ist und bleibt das Land meiner Sehnsucht! Ob ich noch einmal auf alten Wanderwegen schreiten kann, das glaube ich nicht. Doch die Erinnerung bleibt! Sie ist ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann!

Rektor Heinrich Thiele
in mehreren Ausgaben des Lübener Heimatblattes in den Jahren 1971/72