Windmühlen im Kreis Lüben
Kreis Lüben














An der Wiege der Mühle
Besuch bei Mühlenbauer Gerhard Rauch in Raudten

Um die Getreide- oder Mehlmühle, die für unser Leben ebenso wichtig ist wie die Saat auf dem Felde, die der Bauer der Scholle anvertraut und der Herrgott wachsen läßt, hat die Poesie einen bunten Liederstrauß gewunden. Das Volkslied begleitet uns von der Wiege an, sobald wir es gelernt haben, bis ins Alter hinein. Es klingt in unserer Seele fort: "Da unten in der Mühle, da geht ein Mühlenrad...". Und eben so gern singen wir: "Das Wandern ist des Müllers Lust".

Beim Wandern grüßen wir jede Mühle, deren Flügel sich im Winde drehen. Sie alle geben der Landschaft ein Stück Poesie aus dem Leben. Doch halt - nicht überall finden wir Windmühlen. Je tiefer wir ins Bergland eindringen, desto seltener wird das vertraute Bild - und schließlich sehen wir weit und breit keine Windmühle mehr. Dafür liegt die Wassermühle malerisch am Bach, dessen junge Kraft vom Mühlenrad eingefangen wird, damit sich die Räder und Mahlsteine drehen und bewegen. Die Mühlenpoesie des Berglandes ist eine andere als die der weiten Ebene. Das ist ganz natürlich: Die stürmischen Winde auf den Bergen können der Windmühle gefährlich werden. Dafür ist das eilende Wasser des Bergbaches ein guter Kraftlieferant. In der Ebene, wenn die Bäche beschaulich durchs Wiesenland plätschern, holt der Müller die andere Naturkraft zu Hilfe: den Wind. Darum finden wir im ebenen Lande mit fruchtbaren Äckern so viele Windmühlen, daß sich mitunter an die Hundert um eine Stadt gruppieren.

So schön das Landschaftsbild mit der Windmühle ist, so malerisch die Wassermühle am Bach liegt - leider wird dieses Bild immer seltener. Seit die Menschen die Dampfmaschine, den Ölmotor und die Elektrizität erfunden haben, wird die Zahl der Wind- und der kleinen Wassermühlen immer geringer, denn die neuen motorischen Kräfte stehen dem Müller jederzeit in dem Maße zur Verfügung, wie und wo er sie braucht. Er braucht nicht auf Regen zu warten, wie der Wassermüller, für ihn gibt es auch keine mahlarme Zeit, wie für den Windmüller, wenn die Winde eingeschlafen sind, daß kein Blatt am Baum sich rührt.

Die große Umstellung von Wind und Wasser auf Maschine und Motor, die zur Zeit noch im Gange ist, hat aber keinen hemmenden Einfluß auf die Mühlenbaubetriebe, die wir als die Wiege der Mühle am Bach und auf dem Windmühlenberge anzusprechen haben. Von den großen Dampfmühlen, die in die Abteilung "Industrie" einzugliedern sind, wollen wir heute nicht reden, sondern von der handwerklichen Mühle, die aus dem Leben des Dorfes nicht wegzudenken ist. In vielen der alten Wind- und Wassermühlen finden wir eine Verbindung der natürlichen Antriebskräfte mit dem Motor als Hilfskraft.

Wir gehen durch den Mühlenbaubetrieb von Gerhard Rauch in Raudten, der den Namen seiner Stadt in ganz Deutschland bekannt gemacht hat, als er im Jahr 1936 auf dem Ausstellungsgelände am Berliner Funkturm eine große Windmühle errichtete. Diese Mühle war mit elektrischem Antrieb versehen worden. Dabei wurden auch die Windmühlenflügel mitgetrieben, um den Besuchern den Betrieb einer Windmühle anschaulich vor Augen zu führen. Hierbei wurden die Stromlinienflügel nach dem Patent von Major Bielau mit Ventikanten und Drehhecks verwendet. Die gleichen Flügel findet man bei dem Modell einer Holländermühle auf dem Betriebsgrundstück der Firma Rauch in Raudten.

Etwa die Hälfte aller in der Müllerei üblichen Maschinen werden im Betrieb von Rauch selbst gebaut, die anderen Maschinen, wie z. B. die Walzenstühle und die Plansichter werden fertig bezogen. In dem handwerklichen Mühlenbau-betrieb werden die Mühlen - und zwar Wind-, Wasser- und Motormühlen - betriebsfertig zusammengebaut. Daher sind neben gelernten Mühlenbauern auch Tischler, Schlosser und Lackierer beschäftigt, zumal eine Anzahl Maschinen aus einer Kombination von Eisen und Holz bestehen. Das Mühlenbaugewerbe in Schlesien ist in einer Innung zusammen-geschlossen. Das Amt des Obermeisters liegt in den Händen von Gerhard Rauch. In den vier Regierungsbezirken Liegnitz, Breslau, Oppeln und Kattowitz sind etwa 50 Mühlenbauer tätig.

gekürzt aus: Heimatkalender 1942 des Kreises Lüben

J. G. Knie erfasst in seinem Buch im Jahr 1845 insgesamt 70 Windmühlen im Kreis Lüben! Bilder davon gibt es kaum noch.

Anzeige des Mühlenbaumeisters Gerhard Rauch, Raudten, im Heimatkalender Lüben 1942

Anzeige im Heimatkalender Lüben 1942

Windmühle auf dem Windmühlenberg Lüben

Windmühle auf dem Windmühlenberg Lüben

Mühlengrundstück Groß Kotzenau

Mühlengrundstück Groß Kotzenau (Wer weiß den Namen des Müllers?)

Mühlengrundstück des Müllermeisters Max Müller Herzogswaldau

Mühlengrundstück des Müllermeisters Max Müller Herzogswaldau

Kindergartenkinder an der Hoffmann-Mühle in Mühlrädlitz 1941

Mühlrädlitzer Kindergartenkinder an der Hoffmann-Mühle (1941)


Die Töschwitzer Windmühle

"Es liegt sich gut auf dem Windmühlberge, wenn die alte Mühle ihre großen, klapperdürren Gespensterarme hebt und dreht, ein bißchen stöhnt und ächzt wie eine alte Frau, die für ihre Kinder Brot schafft - fleißig, ehrlich, treu. Und es ist eine goldene Aussicht da oben, eine viel schönere als von manchem berühmten Berg." So möchte ich mit Paul Keller sagen und noch einen anderen schlesischen Windmühlberg erwähnen.

Von der Mühle darauf könnte ich als von der "Stamm-Mühle" des Müllergeschlechts der Fellgiebel sprechen wie adelige Geschlechter von ihrer Stammburg. Sie grüßte nach der einen Seite zur langen, langen Häuserreihe von Mlitsch, Töschwitz und Thiemendorf, nach der anderen zur Bahnlinie Raudten-Steinau-Wohlau-Breslau hinunter. Kein Reisender, der zwischen Raudten und Thiemendorf nach Süden zum Fenster hinausschaute, konnte sie übersehen. Auf ihrem hohen Standort ihr zu Füßen liegend, habe ich manchen goldenen Herbst-Sonntagnachmittag verträumt und den ziehenden weißen Wolken nachgeschaut. Auf den Ackerstücken, am Mühlberg gelegen, hatte ich in den Herbstferien der Kriegsjahre 1914/18 die Woche über Kartoffeln mitgeerntet und war sonntags hundemüde.

Sie war alt, sehr alt - wie alt, das vermochte schon damals niemand zu sagen. Sie sah auch so aus, wie Paul Keller die Windmühle seines Heimatdorfes beschreibt. 1945 stand sie zwar noch, war aber schon weitgehend geplündert. Aus ihrer langen Geschichte ist nur bekannt, was Emma geb. Fellgiebel, eine Kusine meiner Mutter, im Gedächtnis bewahrte:

"Mein Vater, der Windmühlen- und Stellenbesitzer Müllermeister Robert Gustav Fellgiebel (1853-1907), war fünfzehn Jahre alt und auf der Mühle beschäftigt, als ein starker Gewittersturm aufzog. Da stürzte die Mühle um und auch die etwa 200 m entfernt stehende des Nachbar-Müllers. Mein Vater hat uns immer erzählt, wie er niederkniete und dachte, jetzt gehe es mit ihm zu Ende. Er kam aber glück-licherweise hohl unter einen Balken zu liegen und so mit dem Leben davon. Ein Oberschenkel war stark gequetscht, was er zeitlebens spürte. Dann wurde die Mühle wieder aufgebaut, nun aber mit starken Ketten in der Erde verankert. Der Nachbar allerdings war von seiner Mühle erschlagen worden und die Mühle wurde nicht wieder aufgebaut."

Die Reihe der Fellgiebel-Müller konnten wir mithilfe der Kirchenbücher in Thiemendorf bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Nach 1945 konnte keiner aus der Familie das Handwerk fortsetzen. Die alten Windmühlen in der fernen Heimat stehen wohl längst nicht mehr. Auf aktuellen Karten sind sie nicht mehr verzeichnet. So sehr ich sie suchte, ich fand sie nicht mehr...

Oskar Hoffmann (1900-1975) in LHB 6/1969

Nach dem Unwetter vom 5. Juli 1916 in Lüben
Über das Unwetter im Juli 1916 kann ich noch etwas berichten. Ich kam kurze Zeit danach von der Ostfront in Urlaub und konnte noch viel von den Sturmschäden sehen. Die gut renovierte Windmühle des Müllermeisters Hugo Guschker, auf der linken Straßenseite von Kniegnitz nach Lüben, wurde vom Sturm umgefegt. Der Nachtwächter von Kniegnitz hatte darunter vor dem Unwetter Schutz gesucht, ihm ist aber nichts passiert. Die Windmühle, die dort jahrhundertelang in Betrieb war, ist nicht wieder aufgestellt worden.

Gerhard Wandelt (früher Kniegnitz) in LHB 9/1983

Über das tragische Schicksal des Müllermeisters Hermann Wehner aus Braunau berichtet sein Enkel Dr. Dieter Wehner.