Oberförsterei in der Lübener Heide
Parkanlagen














Oberförsterei mit Restaurant und Waldpartie mit Garten

Oberförsterei mit Restaurant und Waldpartie mit Garten

Oberförsterei Lüben

Oberförsterei Lüben

Gaststätte Oberförsterei Lüben

Gaststätte Oberförsterei und Waldweg

Restaurant Oberförsterei Lüben

Restaurant Oberförsterei, Robert Tief.

Oberförsterei mit Waldschänke Lüben

Restaurant Waldschänke Oberförsterei Lüben, Inhaber Robert Tief. Für alle vier Abbildungen Dank an Tomasz Mastalski!

 


Kinderzeit im Forsthaus
von Anneliese Hausser in LHB 2/1980

Wie könnten wir vergessen, was uns heute liebens- und lebenswert geblieben ist! Es war eine unbekümmerte, erlebnisreiche Zeit inmitten der unendlich großen Mutter Natur am Rande einer alten, kleinen Stadt, in der doch Geschäftigkeit zu spüren war, aber mit mehr Beschaulichkeit, mit mehr Kontakt zu dem Nachbarn, mit mehr Hilfsbereitschaft.

Die einmalig schönen Sommerferien während der goldenen zwanziger Jahre werden wieder wach und lebendig - in der Lübener Oberförsterei verbracht, die nördlich des Lindenstädtchens lag, am Südrand der Großen Lübener Heide (siehe Karte weiter unten).

War der Reisetag gekommen, so bestiegen wir, vor Freude überschäumend, am Haltepunkt Der Winkel, dem Bedarfshalt westlich des Bahnhofes Groß-Kotzenau, den "Rasenden Elias" der Kleinbahn Lüben - Kotzenau. Keineswegs rasend ging es dann über Groß-Kotzenau, Seebnitz, Braunau, Gläsersdorf und Oberau nach Lüben, in unsere Kreisstadt. Die Bahn hielt auf einem Nebengleis, säuberlich von den Gleisen der Deutschen Reichsbahn getrennt, die die Verbindung zur großen, weiten Welt herstellten. Aus dem Packwagen reichte uns der Schaffner unsere Stahlrösser, auf den Gepäckträger kam ein kleiner strohgeflochtener Reisekoffer, und so ging es über die Hauptgleise zum Bahnhofsgebäude, wo uns Großvater Alfred Menzel an der Sperre in Empfang nahm.

Wir freuten uns mächtig, daß endlich Große Ferien waren. Ob unser Großvater diese Freude immer mit uns teilte? Er liebte einen pünktlichen Tagesablauf über alles - jetzt kam seine Rasselbande, wie er seine munteren Enkel oft nannte, angefüllt mit Abenteuerlust und Unternehmungsfreude ins schöne, weiträumige Forsthaus. Vor ihrem Entdeckersinn blieb nichts verborgen und nichts unversucht. Großvater hielt uns zwar an der langen Leine, oft aber war dennoch ein Machtwort vonnöten.

Vom Bahnhof aus fuhren wir durchs Städtchen in Kolonne brav hinter Großvater her. Hatten wir aber erst einmal die Rasenbank erreicht, konnte uns nichts mehr bremsen. Es begann jedesmal eine Wettfahrt nach dem Motto: Wer ist zuerst an der Gartentür? Dort hieß uns mit einem Begrüßungskuß unsere Urgroßel willkommen, von den beiden "Perlen" gab es einen fröhlichen Händedruck - und jeder hoffte nun inständig, daß bloß nicht die große Unruhe ins Haus käme. Na, der Hausherr würde gegebenenfalls schon ein donnerndes Machtwort reden! Gewiß, wir hatten es uns immer wieder aufs neue vorgenommen, es bloß nicht zu toll zu treiben. Was aber nutzten alle guten Vorsätze: Nur zu oft vergaßen wir über dem Spiel die Zeit, was unser Großvater sehr hart ankreidete. Bei Unpünktlichkeit gab es für ihn kaum eine Entschuldigung.

Die Kirschenzeit fiel in die Sommerferien. Die vielen großen Kirschbäume verlockten zu herrlichen Kletterpartien. Stundenlang konnten wir im dichten Blattwerk der mächtigen Baumkronen sitzen und uns tagaus, tagein nach Herzenslust an den Kirschen satt essen. Dabei betätigten wir uns sogar noch sportlich: Wer vermochte es, die Kirschkerne am weitesten zu spucken? Wenn ich mir heute Großvaters Garten vorstelle, frage ich mich immer wieder: Gab es überhaupt eine Obstsorte, die man dort nicht pflücken konnte? Da waren die saftigsten Äpfel, die herrlichsten Birnen, süße Pfirsiche unmittelbar an der Eingangsveranda. Alles galt es zu kosten. Großvaters Lieblingsapfel war der Gravensteiner. Er wurde sehr sorgfältig geerntet und im Keller auf großen Lattenrosten zum Überwintern gelagert. Wann immer wir kräftig in die Gravensteiner hineinbeißen wollten, kam Großvaters Zuruf: Kinder, das sind Gravensteiner, die müßt ihr mit Verstand essen! Noch heute klingt's mir im Ohr, wenn ich mir heute die eigenen Gravensteiner schmecken lasse.

An den großen Obstgarten schloß sich ein sehr umfangreicher Gemüsegarten an mit allem, was man brauchen konnte, selbstverständlich auch mit Erdbeeren. Die gab es hier in Hülle und Fülle. Zum Abendbrot eine große Schüssel voll Erdbeeren und Milch, dazu ein Butterbrot - konnte es etwas Köstlicheres geben?

In der großen, dichten Fichtenhecke, die das ganze Anwesen umzäunte, gab es hinten im Gemüsegarten eine kleine Lücke, das Hintertürchen. Und dort hindurch führte der kürzeste Weg zum großen Exerzierplatz. Wenn die Lübener Dragoner ihre Übungen abhielten, waren wir stets als Zaungäste so nahe dabei, wie es erlaubt war. Einmal nahmen uns die Soldaten im Planwagen irgendwohin ins Gelände mit. War das ein Erlebnis! Wir durften die Pferde streicheln, auch einmal aufsitzen und alles ganz von nahem betrachten. Doch ehe wir es uns versahen, war der Abend da. Oje! Nun würde es eine Abreibung geben. Was tun? Wir baten unseren Rosselenker, mitzukommen und Großvater zu bestätigen, daß wir brav und interessiert die ganze Zeit bei den Soldaten gewesen waren. Und diesmal hatte Großvater sogar für unser Zuspätkommen Verständnis, war er doch in jungen Jahren ein begeisterter Hirschberger Jäger gewesen.

Ein ganz besonderes Erlebnis war für uns das beliebte Adlerschießen auf der Wiese hinter der alten Oberförsterei. Da kamen die Lübener Schützen im Festgewand mit Orden und Ehrenzeichen, die Armbrust geschultert, anmarschiert. Beim Adlerschießen galt es, von der hohen Stange einen Adler herunterzuschießen. Der Wettbewerb endete stets mit einem fröhlichen Umtrunk im schönen Gasthausgarten zu Ehren des Schützenkönigs - ein Umtrunk, der manchmal auch Großvater galt.

Zu den guten Geistern, die unserer Urgroßel im Haushalt halfen, gehörte auch Muttel Enkelmann. Einmal in der Woche ging sie mit einer großen Kiepe zum Einkaufen nach Lüben. Wenn wir sie wieder zurückkommen sahen, liefen wir ihr ein Stück entgegen, denn sie brachte jedesmal eine Tüte mit Himbeerbonbons für uns mit.

An ganz heißen Sommertagen wurde im Garten vor der Eingangsveranda eine große Zinkbadewanne aufgestellt. Damals war die Oberförsterei noch nicht an die zentrale Trinkwasserversorgung angeschlossen, das geschah erst kurz nach 1930, als Großvaters Nachfolger einzog. Wir füllten die Wanne noch mit Wasser von der Pumpe, mit der man in der Küche das Wasser aus dem Brunnen heraufholte. Die Sonne erwärmte es schnell, und was anfangs für uns eine lustige Baderei war, artete bald zu einer Wasserschlacht aus, bis kein Tropfen mehr in der Wanne war. Großvater schaute sich das Treiben schon mal von der Veranda aus an und hatte selbst seinen Spaß daran, wenn er von oben herab auf uns eine kalte Dusche goß.

Zu den Lieblingstieren von Großel und Urgroßel zählten die Zwerghühner. Sie wurden nur zum Spaß gehalten. Jedes Hühnchen hatte seinen Namen, alle waren zahm, man konnte sie auf den Arm nehmen. Eines war anscheinend von der Küche fasziniert. Jeden Vormittag kam es die Treppe heraufgehüpft, dann ein Stück im Hausflur entlang und hinein in die Küche. Hinter der Tür stand ein kleiner Korb, mit Heu ausgepolstert, und dort hinein legte unser braves Hühnchen sein kleines Ei. Nach vollbrachter Tat gab es zur Belohnung ein paar Extrakörner, und ab ging es wieder in den Garten.

Aus diesen schönen Ferienwochen in der Lübener Oberförsterei stammt sicher auch meine Freude am warmen, traulichen Licht. Damals gab es bei Großvater noch kein elektrisches Licht. Im Büro stand eine Spiritus-Tischlampe mit einem grünen Porzellanschirm. Das Licht spendete ein Glühstrumpf. Alle übrigen Räume wurden mit Petroleumlampen erleuchtet. Und jeden Morgen mußten alle Zylinder schön blank geputzt werden, der verbrauchte Docht wurde gestutzt, Spiritus und Petroleum nachgefüllt, damit man am Abend alles neu entzünden konnte. Mit Großvater durften wir auch oft in den Wald radeln, wenn er nach Guhlau zu Waldaufseher Großmann fuhr. Muttel Großmann hielt für uns meist leckere Honigbrote bereit. Als Jagdbegleiter hingegen waren wir Großvater zu unruhig. Es fehlte uns noch am nötigen Sitzfleisch, so daß Großvater kein Risiko eingehen wollte. Hin und wieder ließ er uns aber auf den Schnepfenstrich mitziehen. Wenn dann der schöne Vogel fast lautlos über die Heide strich, waren wir voll des Staunens und Bewunderns.

Bei diesen Erlebnissen wuchs unsere große Liebe zur Natur und damit auch die Ehrfurcht vor allem, was sie belebt. Inmitten von Großvaters Jagdtrophäen hing der bekannte schöne Spruch: Das ist des Jägers Ehrenschild, daß er beschützt und hegt sein Wild, waidmännisch jagt, wie sich's gehört, und im Geschöpf den Schöpfer ehrt! Wie alle Lübener mußte unser Großvater, der im Ruhestand als über Achtzigjähriger eine Wohnung in der Bahnhofstraße bewohnte, sein Zuhause verlassen. Wenige Tage nach der Flucht fand er seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Haynau.

Nichts, kein Foto, kein Geweih, keine Feder, ist mir aus den glücklichen Jahren in der Oberförsterei geblieben - nur die Erinnerung. Manchmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, die Spielplätze meiner Kindheit wieder aufzusuchen. Und habe den Gedanken doch von mir gewiesen. Es würde mir nur tiefe Wehmut bringen, weil sich alles verändert hat, fremd geworden ist.


Zeitdokumente aus der Oberförsterei
zur Verfügung gestellt von Agnieszka O.

Die Oberförsterei Lüben bestätigt durch die beiden Quittungen vom 20.11.1928 und 13.3.1930 den Ankauf von Kiefer- bzw. Akazienholz von Herrn Maiwald aus Kniegnitz für 25,- bzw. 67,- RM. Auf dem Blatt daneben sind Einzelheiten zu den Kieferstämmen aus Jagen 34a registriert.

Die Oberförsterei in der Lübener Heide

Messtischblatt Lüben bis Lübener Heide