1976 in Lubin
Die Reise ging mit einem Busunternehmen, die Unterkunft war im "Hotel Kosmos", am Bahnhof gelegen - gegenüber vom Hotel "Prinz Wilhelm". Und von hier aus konnte ich täglich das Elternhaus, die Villa im schönen Park an der Bahnhofstraße, sehen! Der erste Gedanke nach Ankunft war natürlich: Werde ich auch das Haus betreten dürfen? Durch die Vermittlung der liebenswürdigen Reiseleiterin vom "Orbis" erhielten mein Mann und ich die Erlaubnis.
Zur Führung durch die Fabrik meines Vaters stellte sich der stellvertretende Direktor des Werkes und als Dolmetscher der Betriebsleiter zur Verfügung. Beiden Herren war der Name "Gadebusch" durchaus geläufig. Sie zeigten uns zunächst die traditionelle Produktion der Pianomechaniken, die sich teilweise noch nach der alten Verfahrensweise vollzieht. Es roch - wie früher - nach Leim, Farbe und Beize. Das Holz, abgelagert und zurechtgeschnitten, duftete wie eh und je. Wir konnten alles betrachten, was wir wollten. Viele Frauen sind hier beschäftigt. In jedem Saal, den wir betraten, wurden wir als Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland vorgestellt. Schließlich gelangten wir auch zu den neuen Produktionsabteilungen. Neben den Pianomechaniken fabrizieren die Polen Zupf- und Streichinstrumente und ihr Zubehör. Es war außerordentlich interessant, zu sehen, wie klassische und Jazzgitarren, Damengitarren, elektrisch-akustische Gitarren, flach- und halbgewölbte Mandolinen und Banjos entstehen, ja auch Violinen, Violincellos und Kontrabässe. Wir sahen, wie das Holz für die Resonanzböden ausgewählt und gepflegt wird, welche Konstruktionen von Griffbrett, Hals und Mechanik entwickelt wurden. Schließlich landeten wir in dem Raum, wo ein Akustikfachmann die Instrumente abhörte, stimmte und prüfte. Er arbeitet in der früheren Lastzughalle, die - durch Wände aufgeteilt - als Pack- und Lagerraum für die fertigen Instrumente hergerichtet ist. Das alte Kesselhaus ist durch ein neues ersetzt worden. Die Fabrikfeuerwehr besteht noch oder besser wieder. Zu erwähnen wäre noch, daß die Lübener Fabrik auch Überzüge für die Instrumente aus Kunstleder oder festem Stoff bzw. Etuis für Geigen und Gitarren herstellt.
Das Werk Lüben ist - wie die Liegnitzer Klavierfabriken - ein Staatsbetrieb und arbeitet nicht nur für den inländischen Verkauf, sondern für den Export, der sich nach den Angaben der Geschäftsleitung immer mehr ausweitet. So versteht man, daß die Lübener Pianomechanik- und Instrumenten-Fabrik sich auf dem alten Gelände (hinzugekommen ist nur das ehemalige Sägewerk von Müller!) nicht mehr ausdehnen kann; es besteht der Plan, die Fabrik aus der Stadt hinaus zu verlegen und neu zu bauen, und zwar in Richtung Kotzenau. Betrachtet man die gesamte Bautätigkeit in Lüben, erscheint dieser Plan nicht unrealistisch. Allerdings dürfte die Versorgung mit Arbeitskräften nicht leichter werden. Zur Zeit sind etwa 850 Arbeitskräfte in der Fabrik beschäftigt. Mangel an qualifizierten Kräften besteht, wie die Geschäftsleitung meint, deshalb, weil die für Lüben jetzt typische Kupferindustrie höhere Löhne zahlt und damit die Arbeitskräfte an sich zieht.
Ganz der persönlichen Erinnerung dienten die Besuche im Gartenhaus, das meine Eltern zuletzt bewohnten, und in der alten ganz erhaltenen Villa. Das Gartenhaus ist Untersuchungs- und Sanitätsstation für die Betriebsangehörigen. In der Villa befinden sich der Werk-Kinderhort und die Büroräume. Der früher schöne Park ist durch Drahtzäune aufgeteilt und wird vor allem vom Kinderhort genutzt. Der alte Holzzaun zur Straße hin ist durch Zementpfeiler standfest gemacht worden.
Wir verlassen das Gelände durch das im alten Zustand befindliche Pförtnerhäuschen mit zwiespältigen Gefühlen; es war schön, nach 31 Jahren die vertrauten Stätten zu sehen; es stimmte traurig, sich zu erinnern, unter welchen Umständen die Eltern und die ganze Familie Gadebusch Haus und Besitz verlassen mußten. Es ist aber auch beruhigend, zu erleben, daß der Name Gadebusch auch im polnischen "Lubin" nicht vergessen ist und daß auf der Grundlage des Lebenswerkes von Gustav Gadebusch ein so intensiv produzierendes Werk der traditionellen Branche geschaffen worden ist.
Irmgard Greulich geb. Gadebusch, 1976

Villa Langer, später Wohnhaus der Familie Gadebusch
1977 in Lubin
Unsere Sommerreise mit unseren ältesten Kindern Peter und Nina starteten wir am 7. 7. 1977 ab Hannover. Wir haben in den nachfolgenden Tagen manchen bekannten Ort des Riesengebirges aufgesucht, wir wanderten und genossen die schöne schlesische Landschaft. Und dann ging es unserem eigentlichen Ziel näher: Lüben. Im Hotel "Cosmos" hatte uns die Fabrikdirektion Zimmer reservieren lassen. Für meinen Mann und mich war ja alles bekannt, aber Peter und Nina waren sehr gespannt, was sie wohl noch alles erkennen würden. Als sie 1945 Lüben verließen, war Peter 8 Jahre und Nina 6 ½ Jahre jung. Das Hotel "Cosmos" steht am Bahnhofsvorplatz, dem elterlichen Grundstück schräg gegenüber. Es berührt einen eigenartig, den väterlichen Besitz nach all den Jahren nun zu sehen. Sehr bald erkundigte sich der Betriebsleiter telefonisch und bat, unseren Wagen auf dem Fabrikgelände zu parken. Am nächsten Tag (Dienstag, 12.7.) holte uns der Betriebsleiter ab, um mit uns bestimmte Grundstücke zu besichtigen und uns den 1. Direktor der Fabrik vorzustellen. Er war vergangenes Jahr, als wir dort waren, in Urlaub.
Haupt- und Privatbüro sind im 1. Stock der alten Villa untergebracht, der untere Teil des Hauses ist für den Werkskindergarten hergerichtet; dort bringen die Mütter ihre Kinder unter, während sie in der Fabrik ihre 8 Stunden arbeiten. Im Büro der Werksleitung wurden wir sehr freundlich begrüßt. Auf meinen Wunsch hin besichtigten wir die gegenüberliegende Villa von Richard Gadebusch. Es ist eine städtische Jugendbildungsstätte. Der deutschsprechende Hausmeister holte uns aus der alten Villa ab und führte uns nun in der Villa herum. Peter und Nina konnten sich an manches erinnern. Der Hausmeister war auch über die Erinnerungen meinerseits an das Privatbüro meines Vaters und an die Wohnung meines Bruders erstaunt. Ich jagte die Herren hinauf bis in den obersten Stock und zeigte meinen Kindern das Geburtszimmer von Dieter und Rosemarie Gadebusch (Kinder von Gadebusch jun.).

Nach der Hausbesichtigung fuhr man mit uns hinaus zur Einfahrt in das Kupferbergwerk. Das Gelände ist kaum wiederzuerkennen. Es handelt sich hier um den Bereich Flugplatz, Oberförsterei. Dort wurden Autostraßen gebaut, auf denen viel Verkehr zu beobachten war.
Der Schacht liegt bei Lüben 900 m tief und dehnt sich bis Glogau aus und ist dort 1400 m tief. Danach fuhren wir ins Hotel, wo wir verabredungsgemäß mit Bekannten aus Cottbus zusammentrafen. Nach einem bescheidenen Essen im ehemaligen Hotel "Prinz Wilhelm" zogen wir alle in "Dicks" Garten (Wie Gustave Richard Gadebusch in Schweden genannt wurde.). Hier stehen viele Bänke und dort konnten wir die sommerliche Hitze unter den schattenspendenden Bäumen aushalten. Am Abend fuhren die Bekannten wieder nach Cottbus zurück. Wir aber wanderten durch die Straßen und betrachteten Lüben bei Nacht.
Da in der Fabrik Betriebsferien waren, konnten wir nur wenige Abteilungen besichtigen, was mir für meine Kinder leid tat. Einige Frauen mußten in der Gitarrenabteilung arbeiten, da so viele Aufträge vorlagen. Wir bekamen kleine Gitarren als Gastgeschenke für die daheimgebliebenen Enkel. Dann wurden wir ins Kasino der Kupferhütte eingeladen, das in den ehemaligen Wohnhäusern der Heil- und Pflegeanstalt eingerichtet ist. Es ging großzügig und vergnügt zu, man trennte sich freundschaftlich-höflich!
In Lüben zog es mich zum Wasserturm auf dem Siedlungsgelände. Er grüßt einen schon von weitem. Kommt man näher, sieht man, wie arg zerfallen er ist. Mich interessierten die alten Siedlungshäuser, drei an der Zahl. Sie haben den Krieg gut überstanden, aber auf dem früheren Gelände stehen viele Hochhäuser, so auch eine große Schule. Lüben hat Stadtteile, wo man sich nicht mehr zurechtfindet, dagegen auch Stellen, die die Erinnerung hell wachrufen: die Kirche in Altstadt, Haynauer Straße, Hann-von-Weyhern-Straße, Häuser von Zschau, Rogner, Landrat, dazu ein paar Pflegerhäuser, das Raschke-Haus und noch einige Einzel-Pflegerhäuser bis zur Bahnschranke. Von der Zuckerfabrik ist nur noch der Schornstein übriggeblieben, sonst dient das Gelände einer Kohlenhandlung. Schusters Kino steht noch und wird als solches benutzt, davor aber hat man ein scheußliches russisches Kriegerdenkmal gesetzt. In der Schulpromenade ist der kleine Grüngürtel erhalten geblieben, die Bäume stehen noch, wo vor 50 Jahren unsere Klassenaufnahme gemacht wurde.
Zwei Lübenerinnen wohnen noch dort, sie haben Polen geheiratet und freuen sich sehr über jeden Besuch aus Deutschland. Die Reise erweckt natürlich Wehmut, doch gibt es auch Freude, alles wiederzusehen. Natürlich macht es auch etwas aus, wenn einem die Menschen wohlwollend entgegenkommen. Nach 1945 kamen sie aus Ostpolen (Galizien), auch als Vertriebene, nach Schlesien. Der Lebensstandard ist niedrig, aber die Gastfreundschaft ist groß!
Irmgard Greulich geb. Gadebusch, 1977
Die Informationen sind verschiedenen Lübener Heimatblättern entnommen.