Erinnerungen an Barschau von Günter Lindner
Barschau














Nachdem ich mich mit großer Freude auf dem Klassenfoto entdeckt habe, möchte ich einiges zu den Barschau-Seiten beitragen, damit die Erinnerungen an unser versunkenes Dörflein nicht auch noch untergehen. Fotos aus der Zeit vor 1945 habe ich leider nicht. Aber zwei Bilder der Barschauer Schule von 1964, bevor sie im Schlamm versank. Sie hatte, einschließlich der Inneneinrichtung, den Krieg überlebt. Sogar meine ehemalige Schulbank stand noch vor Ort.

In Raudtener Rathaus begannen 1942 meine Lehrjahre. Und da wir Lehrlinge jede Woche einmal zur Berufsschule nach Lüben gefahren sind, ist mir auch die Kreisstadt nicht fremd geblieben. Die Berufsschule befand sich in der Haynauer Straße. Im Kreishaus fanden die halbjährlichen Prüfungen statt.

Zur Polkwitzer Kleinbahn fällt mir ein, daß es 1935 am Bahnübergang in Richtung Raudten einen durch einen Motorradfahrer verschuldeten Unfall gab. Ihm selbst ist nicht viel passiert. Aber die Lokomotive namens Graf von der Recke entgleiste und legte sich etwas zur Seite. Wir Kinder reimten "Graf Recke liegt im Dre...".

Gut erinnern kann ich mich noch an die beschwerliche Arbeit unserer Poststelle. Sie wurde von Erna Neumann geb. Buch geleitet. Die Postsachen mußten mit einem Handwagen an die ca. 1,5 km entfernte Hauptstraße gebracht bzw. abgeholt werden. Das sogenannte Kraftpostauto kam dort montags bis samstags zwischen 11 und 14 Uhr vorbei. Im Alter 12-14 Jahren habe ich oftmals dieses "Abholen der Post" übernommen. Mitten im Wald mußte man selbst im Winter bei 15 Grad Kälte schon mal 4-5 Stunden ausharren. Aus heutiger Sicht unvorstellbar.

Günter Lindner, 2010/2011

Unsere 1937 erbaute Schule im Jahr 1964

Unsere 1937 erbaute Schule im Jahr 1964, bevor sie für immer versank

Ich suche auf meiner alten Bank nach den Spuren meiner Schulzeit

Auf meiner alten Bank suche ich die Spuren meiner Schulzeit


Auf meine Bitten hin hat Günter Lindner einige weitere kleine Episoden aufgeschrieben. Seine Sorge, die Geschichten könnten zu unbedeutend sein, möchte ich ihm nehmen! Alles, was künftigen Generationen ein Bild vom Leben damals vermittelt, ist bewahrenswert. Heidi

Ölung

Der Fußboden des Klassenzimmers bestand aus grob gehobelten Dielenbrettern. Um eine starke Abnutzung zu vermeiden und die Reinigung zu erleichtern, wurde jedes Jahr in den Sommerferien die Dielung eingeölt. Einige Schüler, u.a. auch ich, halfen Tante Klara dabei. Nach getaner Arbeit waren wir gleich mit eingeölt. Es war üblich, dass wir in den Sommermonaten barfuß zur Schule gingen. Die Füße waren dann vom Öl tiefschwarz und es war eine Prozedur, sie abends wieder sauber zu bekommen.

Seidenraupenzucht

Seidenraupen waren seit Jahrhunderten ein wertvoller Rohstofflieferant. Bereits der Alte Fritz verfügte die Aufzucht. Problem dabei, sie fraßen nur Blätter des Maulbeerbaumes. Daher waren aus dieser Zeit in Barschau noch ca. 20 Maulbeerbäume vorhanden.

Also wurde während der Sommerferien in unserem Klassen-zimmer eine Seidenraupenzucht angelegt. Wir älteren Schüler mußten die Versorgung übernehmen. Dazu gehörten das Abschneiden der Äste bzw. Zweige von den Bäumen und ihr Transport zur Schule, die Fütterung der Raupen, die Säuberung der Gestelle und das Einsammeln der im Klassenzimmer umherwandernden Raupen. Mit der Säuberung und dem Einsammeln hatte ich so meine Probleme. Zwei Mädchen erbarmten sich meiner. Ich schaffte das Futter heran und sie übernahmen die Versorgung. Die Kokons wurden in Lüben abgeliefert. Da zwischen dem Verpuppen und dem Schlüpfen der Larven nur ein enger Zeitraum bestand, waren besonders bei der ersten Lieferung fast alle Kokons unbrauchbar. Unsere Enttäuschung war groß.

Lebensmittelmarken der Stadt Lüben

725 Gramm Mehl

Die Stadtverwaltung Raudten war auch gleichzeitig Bezirksabrechnungsstelle für Lebensmittelmarken. Die Lebensmittelhändler der umliegenden Dörfer mussten die angenommenen Lebensmittelmarken auf Papierbögen kleben und nach Größe sortiert monatlich zur Abrech-nungsstelle bringen. Hier erhielten sie dann Bezugscheine für den Ankauf beim Großhandel. Wir Lehrlinge wurden zur Kontrolle der Abrechnungsbögen mit herangezogen. Eine unliebsame und anstrengende Arbeit, vor allem war Kopf-rechnen gefordert, Taschenrechner gab es noch nicht.

Ich kontrollierte u. a. die Markenabrechnungen des Lebensmittelhändlers Paul Blümel aus Eisemost. Auf einem Bogen Mehlmarken übersah ich, dass in der Mitte statt der 50-Gramm- einige 25-Gramm-Marken geklebt waren, die statt der Summe von 95 kg nur 94,275 kg ergaben.

Nach einem Jahr kam vom Kreisamt Lüben eine Revision, die den Fehler aufdeckte. Ich wurde mit meiner unmittelbaren Vorgesetzten, Frau Nerger, und dem stellv. Bürgermeister vor die Kommission zitiert. Wörtlich: "Durch Ihre nachlässige Arbeit haben Sie die Wehrfähigkeit des Deutschen Reiches beeinträchtigt". Ich durfte nicht mehr für die Markenkontrolle eingesetzt werden, außerdem gab es einen Eintrag in das Berufsschulbuch. Frau Nerger erhielt eine schriftliche Verwarnung, Paul Blümel wurden die 725 Gramm bei der nächsten Abrechnung abgezogen und angedroht, im Wiederholungsfalle gäbe es eine Strafanzeige. Ja, strenge Sitten. Emotional war das für mich schon sehr hart. Hinter vorgehaltener Hand fand ich jedoch bei dem größten Teil der Mitarbeiter Trost, "Du Glückspilz, du brauchst nie wieder die stupide Arbeit zu machen!"

Flugzeugabsturz 1933

Zusammen mit seinem Barschauer Schulfreund Karl-Heinz Wilke schrieb Günter Lindner seine Erinnerungen an den Flugzeugabsturz nahe Barschau und den Gedenkstein für den verunglückten Flieger auf. Darüber wurde eine Sonderseite gestaltet.

Zigarettenholen

Manchmal mußten wir beim Gastwirt Bochnick für unseren Lehrer Zigaretten holen. Einmal gab uns der Gastwirt drei kleine Werbepackungen mit. Eine Packung vereinnahmten wir in der Annahme, dass unserem Lehrer ja die Anzahl nicht bekannt wäre. Doch am nächsten Tag: Vortreten, über die Schulbank beugen und der Rohrstock sauste in schneller Folge auf und ab... 3 Tage Nachsitzen und 200-mal in Schönschrift "Wir haben das Vertrauen des Lehrers mißbraucht".

Probleme mit der Badeeinrichtung

Beim Anbau des Schulhauses 1937 wurde im Keller auch eine sogenannte Badeeinrichtung installiert. Zwei Wannen und vier Duschen. Für das Dorf ein großer Fortschritt, denn so eine Bademöglichkeit hatte bis dahin nur der Rittergutsbesitzer. Ein Wannenbad kostete 30 Reichspfennig. Unsere "Tante Klara" war für die Beheizung, Reinigung und Kassierung verantwortlich. Nun das Problem: Der Wasservorrat des Brunnens reichte nur für max. zwei bis drei Wannenfüllungen. Erst nach einer Stunde konnte es weitergehen. Wegen Überhitzungs-gefahr musste da sofort die Feuerung gelöscht werden. Es passierte schon mal, dass aus dem Wasserhahn ein starker Dampfstrahl austrat und zu Verbrühungen führte. Auch die mechanische Pumpenautomatik musste abgeschaltet werden, sonst wurde der Warmwasser-kessel statt mit Wasser nur mit Luft gefüllt und dann ging gar nichts mehr. Ich habe oft die Tante Klara dabei unterstützt.

Rodeln vom Windmühlenberg

Obwohl Barschau von einem hügeligen Gelände umgeben war, eignete sich zum Rodeln nur der Windmühlenberg der Wilke-Mühle. Fieberhaft erwarteten wir den ersten Schnee. So lange es die Schneeverhältnisse zuließen, rodelten wir dann fast täglich bis zum Dunkelwerden. Es gab ein flache und auch eine steilere Abfahrt. In dem steileren Abhang war ein Absatz, so dass man darüber ähnlich einer Sprungschanze kleine Luftsprünge von ca. 2 m Weite machen konnte. Mutig wollten wir alle sein. Mehrere Schlitten gingen zu Bruch, auch mein Schlüsselbein. Einen neuen Schlitten gab es nicht mehr. Kameradschaftlich teilten wir uns die noch intakten Schlitten, die aber dann infolge der höheren Belastung sehr vorsichtig behandelt werden mussten. Auch Versuche, aus Kistenbrettern "Rodelgeräte" selber anzufertigen, brachten nicht den erhofften Erfolg. Es waren mit die schönsten Kindheitserlebnisse zu damaliger Zeit.

Waldbeeren sammeln

In den Kriegsjahren sollten auch wir Schulkinder unser Scherflein zum Sieg des Vaterlandes beitragen. So auch u. a. durch das Waldbeerensammeln. Die Beeren wurden dann an Hilfsbedürftige verteilt. War die Ausbeute sehr ergiebig, wurden zwei größere Milchkannen für unseren Schulrat, Herrn Martwig, in Lüben abgezweigt. Ein Schulkamerad und ich erhielten den Auftrag, die vollen Kannen dort abzuliefern. Für uns ein großes Vergnügen, mit der Polkwitzer Bimmelbahn nach Raudten-Queissen und von dort mit der Staatsbahn nach Lüben zu fahren. Ehrfurchtsvoll haben wir dann vom Herrn Schulrat eine kleine Tüte mit Süßigkeiten entgegengenommen. Wir machten noch einen Schaufensterbummel durch die "große" Stadt und traten dann wieder die Heimreise an und träumten davon, die Beerenzeit möge das ganze Jahr andauern, denn so eine Reise in die Kreisstadt war DAS Erlebnis. Unser Schulrat wohnte in einer Villa in der Schützenstr. 1 in Lüben. Jährlich ein- oder zweimal kam er zur Inspektion. Sie verlief stets zur vollsten Zufriedenheit, denn wir waren ja alle "gute Schüler". Jedesmal bei der Abfahrt gab es noch eine Belustigung. Der Herr Schulrat kam, nach heutigen Verhältnissen, mit einem Kleinstwagen. Der mußte regelmäßig von uns angeschoben werden. Wenn das nach zwei oder drei Versuchen gelang, winkten wir alle fröhlich hinterher.

Brand der Feldscheune

Anfang August 1934 oder 1935 brannte in den Morgen-stunden durch Blitzschlag die Feldscheune gegenüber Gastwirt Bochnick total ab. Sie war bis unter das Dach mit Roggen und Weizengetreide voll gefüllt gewesen. Eine riesige Rauchsäule und ein Flammenmeer standen über unserem Dorf. Kilometerweit flog brennende Dachpappe. Die Feuerwehr konnte nur noch die umliegenden Gehöfte schützen. Für mich war das ein starkes emotionales Erlebnis. Noch lange Zeit danach konnte ich nicht an der Brandstelle vorbeigehen.

Notlandung eines Ballons 1937

Es gab in Barschau noch ein Ereignis, allerdings nicht ganz so tragisch, das unser Dörflein in seiner Abgeschiedenheit in Aufregung versetzte! Im Sommer 1937 musste aufgrund eines defekten Ventils ein Ballonfahrer mitten im Dorf notlanden. Er hatte großes Glück im Unglück. Der Ballon verfing sich in den Baumkronen und der Korb blieb dadurch ca. 1 Meter über dem Erdboden hängen. Der Fahrer stieg zwar mit Schrecken aber unverletzt aus.

Beim Aufräumen der Unglückstelle hatten wir Schulkinder noch einen lustigen Spaß. Der Ballon wurde zu einer ca. 20 Meter langen und 1 Meter breiten Bahn zusammengefaltet. Das Gas wollte jedoch nicht gänzlich aus der Hülle entweichen, so rollten wir Kinder uns mehrmals mit lautstarkem Vergnügen längs über die Bahn und pressten somit den Rest des Gases aus der Hülle. Korb und Ballon wurden dann von Karl-Heinz Wilkes Vater mit dem Pferdegespann zum Güterbahnhof in Raudten transportiert. Unser Lehrer fotografierte zwar, aber Bilder konnten wir bisher nicht ermitteln. An den Namen des Ballonfahrers und woher er kam, können wir uns leider auch nicht mehr erinnern. Auf meinem Dorfplan habe ich auch die Stelle der Notlandung markiert. Vielleicht gibt es da auch noch Enkel wie vom Flieger Wilhelm Przibilla?!