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Zur Geschichte des Wandervogels in Lüben Theo Dames
Schüler Höherer Schulen wanderten dort sonntags in die Natur, in die "freie" Natur. Das tat man damals sonst nicht, - man ging in die Ausflugslokale, draußen im Lande zwar, aber man suchte doch mehr Abwechslung, Erholung von der Woche. Das tat der Wandervogel alles nicht, denn er wollte nicht nur eine körperlich-seelische Wochen-Regeneration erreichen! Er hatte ein Ziel auf längere Sicht und zog ins Land hinaus, um der Stadt zu entfliehen, um der Verstädterung zu entgehen. Und man suchte tatsächlich etwas anderes! Zunächst ging man freilich auch mal ins Gasthaus, ja: man zechte sogar nach Art der alten Fahrenden Schüler. Aber dann wurde man sich des Weges, den man begonnen hatte, erst richtig bewußt, und man suchte den besonderen Weg, der es ermöglichte, als "Jugend" zu leben, mit jugendgemäßen Formen, und das Wandern war dabei die Grundlage für eine Verwirklichung der neuen Lebensformen.
Und so kam es nach Ostern 1914 dahin, daß wir uns im Alten Alumnat auf der Haynauer Straße, neben der Turnhalle, in einem Zimmer im ersten Stock trafen. Der Anstoß dazu war von dem Tüchtigsten aus unserem damaligen Kreise ausgegangen, von Hans Barth aus Berlin-Charlottenburg, einem wundervollen Jungen, einem begeisternden, musischen Menschen mit den besten Gaben. Er hatte die von auswärts gekommenen Wandervögel gesammelt und einige von uns Lübenern dazu gewonnen. Es waren zunächst nur wenige, die hier die Ortsgruppe gründeten, aber diese wenigen wurden der Stamm für die kommenden Zeiten. Hier seien ihre Namen genannt:, sie haben es verdient, in Erinnerung gerufen zu werden. Der Leiter der Gruppe, also Ortsgruppenführer, wurde Studienassessor Walter Schmelling. Ihm zur Seite standen zwei Führer (diese Bezeichnungen und noch mehr hat später die NSDAP von der Jugendbewegung übernommen! Es war nicht etwa umgekehrt!). Diese Führer waren der oben erwähnte Hans Barth aus Berlin und Harry Mayer aus Rawitsch. Weiterhin gehörten dazu: Arthur Weinert aus Gleiwitz, Uli Krüger aus Berlin, Willy Vogelsang (Herkunft nicht mehr bekannt), Werner Zimmermann aus Steinau und Georg Haag (Herkunft unbekannt). Hierzu kamen drei Lübener: Paul Hain, Fritz Müller und ich. Zu diesen elf Mitgliedern trat der "Eltern-und Freundesrat", abgekürzt in "Eufrat". Dieser Ausschuß war eine beigeordnete Schutzorganisation, die nur den einen Zweck hatte, nämlich: uns zu helfen, uns in jeder Lage zu fördern und zu schützen. Aber auch: uns wirtschaftlich unter die Arme zu greifen, - und das hat unser Eufrat in wunderbarer Weise getan. Die Leitung übernahm Studienrat Dr. Martin Treblin. Mitglieder sollten erst noch geworben werden. Und dort im "Alten" Alumnat, das amtlich "Frohsinn" hieß (dieser Name hat sich nie eingebürgert), waren wir blutjungen Menschen zusammen und suchten einen Weg in eine eigene Jugend!
Nach dieser Gründung gingen wir hinaus vor die Stadt, über die Eisenbahnbrücke zum Wasserturm. Dort setzten wir uns ins Gras, schauten ins Tal der "Kaalen Baache" (kein Mensch sagte "der kalte Bach", wie auf der Landkarte zu lesen ist). Wir schauten hinunter zur Sperlingsmühle ins Tal (was wir so damals in Lüben unter Berg und Tal verstanden!) - wir blickten hinauf zur Rasenbank an der Polkwitzer Landstraße und sangen mit hellen Stimmen Es reiten itz die ungrischen Husaren. Es war ganz unbekannt, daß Jugend im Freien sang, ohne Leitung! Wir sangen damit auch nicht ein militärisches Lied! Wir sangen Lieder aller Stände, darunter eben auch Soldatenlieder. Und wir sangen das Lied aus dem "Zupf". Dieser Zupf war der "Zupfgeigenhansl", jenes Liederbuch, das heute noch lebt. Und dieses Buch hat uns zum Liede geführt, es hat uns ein Leben lang begleitet. Im 1. Weltkriege haben wir es im Tornister getragen, auf dem Schreibtisch liegt es heute noch griffbereit. Dann begann eine rege Wandertätigkeit. Wir sangen viel, wir wanderten und erlebten die einfachsten Dinge, die doch tiefen Sinn haben: die Wälder um Lüben herum, Eisemost, Koslitz, Vorderheide, und wir wanderten mit nackten Knien ohne "Sonntagsanzug". Wir kochten im Freien ab, übernachteten beim Bauern im Stroh oder Heu, saßen im Regen unter den Fichten einer Schonung, atmeten bewußt den Waldgeruch, rochen den Boden und erlebten Urdinge, die es bisher für uns doch nicht so gab. Doch unser stilles Leben, nur uns selber zugewandt, drang schnell in die Öffentlichkeit, und unser Lehrer, Studienrat Heinrich Munderloh, schrieb einen seiner berühmten Vierzeiler ins "Lübener Stadtblatt": "Man trägt jetzt wieder Tennishöschen, Mochten die Primaner ihre Maid küssen, - wir suchten etwas anderes, das über den Bezirk von Stadt und Schule weit hinausging. Und wir fanden dabei Freunde, die wie wir dachten und zu uns kamen, und so wuchs unsere Ortsgruppe. Damals traten aus Lüben bei uns ein: Kurt Schiller, Heinz Reinke, Werner Schott, Herbert Kornetzky, Gerhard Neß mit seinen beiden Brüdern. Dann folgten meine beiden Brüder Erich und Herbert Dames, Rudi Zingel, Herbert Baumgärtner, und später Theo Zeutschner, Walter Lange aus Altstadt, Otto und Helmut Wöbker, die beiden Strucks, Gerhard Zschau, Gottschalk, - es mag noch mancher andere gewesen sein, der mir jetzt nicht gegenwärtig ist. Und der Eufrat hatte sich gleichfalls vergrößert, aber er hat bei uns keine große Rolle gespielt, - denn die Entwicklung ging so glatt vonstatten, daß die Eltern kaum jemals helfend einzugreifen brauchten.
Hans Barth hatte einen Linolschnitt gemacht, den wir den Eltern zugeschickt hatten. Wir hatten ihn bei Paul Kühn in der Stadtbuchdruckerei als Postkarte drucken lassen: Auf dunklem Hügel ragte eine schrägstehende Kiefer in den dämmrigen Sternenhimmel (der Grund des Papiers war blaugrau), und um den Feuerstoß standen wir Wandervögel. Hans Barth hatte mit diesem Blatt völlig unsere Art getroffen. Nach dieser Sonnenwende begann unser Wandern erst richtig. Wir reisten aber nicht, wie es die heutige Jugend tut, mit Komfort! Wir wanderten zu Fuß und zunächst nur ins niederschlesische Land. An den düsteren Wacholderbüschen nahe der Schubert-Mühle bei Oberau lagerten wir im sandigen Grase, während unser Kamerad Georg Haag, der Försterssohn, drüben unter der mächtigen Eiche auf dem Waldboden sitzend, das Waldhorn blies Es blies ein Jäger wohl in sein Horn. Oder wir wanderten in die Heide, badeten in der Oder, betrachteten die wunderbare Fachwerkkirche von Hummel mit der reichen Innenausmalung, die Grenzkirche von Kriegheide mit dem Palmbaum im Innern. In Heinzenburg standen wir vor der Kirchenburg, - und es sei ausgesprochen: Dieses Erleben des Landes mit Bauerntum und Volkstum, Wald und Feld, das verdankten wir zweien unserer Freunde: dem phantasievollen Hans Barth und dem hervorragenden tüchtigen Jugendführer Martin Treblin.
Die Ferien waren vorüber, die Schule sollte gerade mit der Arbeit wieder anfangen - da brach der Krieg aus. Unser verehrter Direktor, Dr. Caspari, rief uns Schüler alle in den schönen Schulhof, und da standen wir nun in Reih und Glied unter den großen Linden. Wir spürten die ungewöhnliche Stunde. Er aber teilte uns mit, daß der Krieg ausgebrochen sei und daß wir nun treu zum Vaterlande stehen müßten. Wir blutjungen Menschen ahnten noch nicht, was das tatsächlich bedeutete, aber seine letzten Worte (wir lernten ja ab Sexta Latein), die verstanden wir nur zu gut: Dulce et decorum est pro patria mori. Der größte Teil der Schülerschaft war zum Kriegsdienst noch zu jung, aber die Älteren von uns eilten zu den Fahnen, auch unsere Wandervögel. Sie gingen so zahlreich zur Truppe, daß unser Ortsgruppenleben zunächst völlig stillstand. Wir hatten, zu sehr unter dem aufwühlenden Erleben dieser Tage stehend, mit diesen Dingen erst einmal fertigzuwerden. Sie wurden Soldaten, acht von uns aus der Gründergruppe gingen sehr schnell an die Front - und ungeheuer groß war der Blutzoll. Von diesen acht Jungen fielen sechs. Als erster fiel Hans Barth, - wir waren wie gelähmt durch dieses Geschehen, und ich vergesse nicht, wie Treblin aussprach, was wir empfanden. Im "Lübener Stadtblatt" kündete er in einer Todesanzeige von dem vorbildlichen Menschen und "feinsinnigen Künstler". Aber danach fiel gleich Schmelling, der Ortsgruppenführer. Darauf Harry Mayer, - damit waren alle unsere Führer tot. Von Harry Mayer möchte ich genauer berichten. Kurz vor der Schlacht im Herbst 1914 traf er mit seinen beiden Brüdern zusammen, die bei einem anderen Regiment waren. Dieses Zusammentreffen war kurz, und sie verabschiedeten sich mit dem Wort, das sie gern gebrauchten: "Mach's gut!" Sie machten's alle drei gut - und sie fielen alle drei. Innerhalb von zwei Wochen hatten ihre Eltern alle drei Kinder verloren! Aber der Tod hielt weiterhin reiche Beute: der jugendliche Uli Krüger, der fröhliche Sänger, fiel; Werner Zimmermann wurde über den Alpen abgeschossen, und Arthur Weinert starb in Warschau an Typhus. Unsere Ortsgruppe war zusammengeschrumpft. Sie mußte weiterleben! Als Ältester der "Zurückgebliebenen" sollte ich die Führung der Ortsgruppe übernehmen, - aber ich war doch noch zu jung. Und da ein Geeigneterer vorhanden war, tat ich das einzig Richtige: ich schlug Treblin als Führer vor. So wurde er Ortsgruppenführer, übergab den "Eufrat" an Studienassessor Heinrich Thur, und nach so vielen Erschütterungen ging der Fahrtenbetrieb und das eigene Leben wieder an. Unsere Zusammenkünfte, das "Thing", hatten wir weiterhin am Mühlteich hinter der Breithermühle, wo Tisch und Bank uns zunächst für den Aufenthalt genügten. Doch nur zunächst. Dann regte sich der Wunsch in uns, einen geeigneten Raum zu haben, wie ihn andere Gruppen schon besaßen. Ja, wir wurden kühn: wir wollten gleich ein ganzes Häuschen haben, ein Heim, ein "Nest", wie wir sagten. Und nach kurzer Beratung wurde ich zum Bürgermeister geschickt, von der Stadt einen eigenen Raum, möglichst ein Häuschen, zu erbitten. So ging ich aufs Rathaus. Und Bürgermeister Faulhaber empfing mich sehr wohlwollend und hörte sich meinen Wunsch an. Lübener Wandervögel am Franzosenhäusel
Das Franzosenhäusel, das im Grundriß sechseckige Gartenhäuschen, stand in den Anlagen gegenüber dem Gymnasium, nahe der Stadtmauer; der französische General Marchand hatte das transportable, zerlegbare Häuschen 1813 in der Katzbachschlacht im Raum von Lüben stehen lassen müssen; nun war es innen massiv ausgebaut und, durch einen Vorraum und einen angebauten zweiten Raum auf der anderen Seite vergrößert, Unterkunft für Dragoner-Offiziere gewesen und im Kriege leerstehend. Für uns war es das ideale Heim. Wir zogen sofort ein und schonten dieses wunderbare Häuschen mit seinem Zeltdach. Ich selber wurde der Heim-Verwalter! Der "Eufrat" aber bewährte sich bestens. Er stiftete die Ausstattung, den nötigen Hausrat. Frau Müller aus der Breithermühle schenkte einen bäuerlichen Schrank und einen korallenrot gestrichenen Bauernstuhl. Frau Reinke stiftete die Fenstervorhänge, irgend jemand einen großen runden Tisch. Sechs Bauernstühle mit geschweifter Lehne ließen wir anfertigen, Malermeister Gillert strich sie und malte bescheidene Rosenmuster auf die Lehnen. Aus Bunzlau ließ ich Bunzelgeschirr kommen, derb und blaugrün gemalt, damals lieferte der kleinstädtische Handwerksmeister noch das schönste Volksgeschirr, und das stellten wir in den schönen Schrank und auf den behäbigen Kamin in der einen Zimmerecke. Und zur Vorweihnachtszeit wanden wir uns im Walde draußen (hinter dem "Großen" Exerzierplatz) einen mächtigen Adventskranz, den wir in eine andere Ecke hängten. Es war der erste Adventskranz in Lüben. Und im Alumnat, das 1916 Lazarett geworden war, sangen wir Wandervögel vor den Verwundeten Weihnachtslieder. Im Heim aber wuchs frisches Leben. Wir trafen uns wöchentlich dort; "klöhnten", sangen und feierten, spielten Theater und rangen um die Verwirklichung von Idealen. Wandervogel-Soldaten, die bei den Dragonern für den Frontdienst ausgebildet wurden, fanden bei uns ein Stück geistiger Heimat und Geborgenheit.
Im Heim entstand eine Bücherei: Dort stand Conrad Ferdinand Meyer neben Hermann Löns, Des Knaben Wunderhorn neben dem Schlesier Eichendorff - aber ein besonderes Buch war es, das uns bewegte: das Buch des Breslauers Paul Barsch, der vom Tischlergesellen zum Redakteur und Schriftsteller geworden war und in seinem Buch "Von Einem, der auszog" seine Wanderjahre schilderte. Und wir achteten auf das Volkstum, auf ländliche Bauweise - Treblin selber hatte eine heute noch gültige Arbeit über das Bauernhaus mit Bühne (in Schmottseiffen) veröffentlicht, - Und zwischen Lüben, Oberau und Klein-Krichen gingen wir den Spuren des im Dreißigjährigen Kriege untergegangenen Dorfes Ketzerberg nach. Im Schnee stapften wir durch die Kiefernwälder, und immer wieder ging der Weg an der Kaalen Baache entlang. Es war ein ideales Leben. Die Reife, die uns unsere gute, alte Penne in der Oberstufe geistig und seelisch gab, sie wurde durch unseren Wandervogel-Betrieb glücklich ergänzt. Es sei hier eingefügt, daß wir als "Wandervogel e. V." aus praktischen Gründen tatsächlich ein eingetragener Verein waren und daß wir bei unseren Zusammenkünften nicht rauchten und keinen Alkohol tranken. Wir tranken uns keinen Rausch an, für uns war Jugend, wie man damals sagte, Rausch ohne Alkohol. Allem Edlen geöffnet, reiften wir heran. Aber der Krieg forderte immer wieder seine Opfer. Und im Mai 1917 mußte auch ich zur Truppe. Als ein rechter Wandervogel hatte ich eine Klampfe, und im Schützengraben vor Reims 1917 habe ich meinen Kameraden Weihnachtslieder gespielt. In der Heimat, in Lüben, ging das Wandervogel-Leben weiter, jüngere Kräfte hatten die Führung übernommen: Bargel und Greiff. - Sie machten ihre Sache gut. Und Treblin stand stets helfend bereit. Zwischen Front und Heimat bestand ein reger Briefwechsel. Nach dem Krieg spaltete sich die Jugendbewegung, die zunächst engere Fühlung zwischen den einzelnen Gruppen gehalten hatte, in viele Bünde auf. Das Franzosenhäusel bekam andere Bewohner. Und heute existiert es gar nicht mehr. Niemand singt dort mehr Jetzt kommt die Zeit, daß ich wandern muß. Freunde aus der Zeit der Wandervogelbewegung bei einem Treffen Ende der 1920er Jahre. Das Wandern, ja das Wandern! Wandern ist nicht Spazierengehen, nicht Reisen und nicht Eilen. Wandern bedeutet bedächtig durchs Land gehen, bedächtig und bedenkend! Die Augen offen halten, bewußt mitnehmen, was selbst bescheidenste Landschaft noch an Schönheit der Form und der Seele bietet; heißt schließlich: Laufen und zugleich Erleben. Und das ist es, was für uns das Hinsehen in die Kiefernwälder, die unser Lüben umgaben, gewesen ist, sandige Wege zu laufen, an im Winde schief stehenden Birken vorüber, zu hochstehenden Windmühlen und spärlichen Tümpeln, Hinstreben zum flach schwingenden Horizont. Aber das war es auch, was wir Wandervögel suchten: das Erleben vergessener Abseitigkeit, geheimnisvoller Stille. Uns sang noch die Amsel ihr Abendlied, rief noch das Käuzchen nach, wenn wir unter ihm dahin zogen. Der Rehbock schreckte im Dickicht, und am Himmel in lichtumflossenen Wolkenbergen malte sich "die silberfarbene Wolkensaumwiese", von der Eberhard König erzählt hatte.
Abenddämmern im Kahn über den schlafenden Wassern. Dort lag am Ufer, am tief im Grunde steckenden Pfahl angekettet, ein Boot. Tief im Grunde? Nun, nicht so tief, daß man das Holz nicht doch mitsamt der Kette herausziehen und in den Kahn holen konnte. Mit ihm ruderten wir unsere besinnlichen Runden, um ihn ebenso heimlich hinterher wieder anzupflocken. Ein andermal trieb uns starker Regen unter die Büsche einer Kiefernschonung. Dort hockten wir, von alten Fahrten erzählend, auch "aufschneidend"; nahmen dabei den frischen Erdgeruch des nahen Ackers und des Lupinenfeldes in uns auf. Und bewunderten den bemoosten Granitfindling, den vor Urzeiten das Eis aus Schweden hierher geschoben hatte. Dies alles nahmen wir mit heim. Und dabei war doch "gar nichts los"! Nun, es war immerhin soviel, daß wir, die wir dabei waren, es nicht vergessen können.
Und was sie wandernd fanden, das haben wir alle stets gefunden: gesundes Leben, Freundschaft mit der Natur, innere Sauberkeit - und die Freude an einem kräftigen Heimwandern. Freilich: Wir blieben in der Heimat! Wir dachten wie Eichendorff, der da geschrieben hat: "Mir gefällt doch nichts so sehr wie das deutsche Wälderrauschen." Seit diesem Wandern in der Heimat sind besonders wir ersten unseres Freundesbundes alt geworden. Unsere Wanderungen sind kürzer geworden, unsere Ziele bescheidener. Aber wir wandern immer noch und unsere Männerfreundschaft lebt weiter. So mancher von uns hat bereits die letzte Wanderung hinter sich gebracht. Wir aber, die wir noch das Sonnenlicht erleben, gedenken der Tage, da wir noch eine Heimat hatten. Zu deren schönsten Erinnerungen gehört uns für alle Zeit: Das Wandern, ja das Wandern! Wie wir Ketzerberg entdeckten Wir hatten auf unseren Wanderungen schon tief in das Wesen unserer Heimat hineingeschaut: in die Heidelandschaft, die Oderwälder, waren auch in der Oder geschwommen, hatten einmal im Riesengebirge hoch oben im Zelt übernachtet. Und in dem engeren Raum um Lüben herum den vorgeschichtlichen Ringwall bei Köben besichtigt. Sühnekreuze am Wege erkundet und nahmen uns nun etwas Besonderes vor: Wir wollten ein untergegangenes Dorf erforschen. In Kloses Chronik von Lüben war nämlich zu lesen, daß Ober-Oberau das ehemalige Dorf mit Namen "Ketzerfeld" und nach dem Dreißigjährigen Kriege verschwunden sei. Ihm wollten wir auf die Spur kommen. So hielten wir erst einmal Rat, auch mit Treblin, dem treuen Gefährten. Wir nahmen die Karte zur Hand - und da lag es ja schon vor uns: dieses Dorf mit dem sonderbaren Namen! Wer genau hinsah, dem fiel auf, daß gerade um die Höhe 182 herum sonderbare Grenzen der Gemeindefluren zu finden waren, denn dort hatten die Dörfer Oberau, Groß und Klein-Krichen, deren Gebiet sonst gut abgerundet war, lange Streifen an ihrem Gebiet dranhängen, die fast wie angeflickt aussahen - und so war es ja auch. Schnitt man aber diese Streifen ab, so ergab sich eine neue Flur: Ketzerberg! Sein Gelände war offenbar, als der kleine Ort zerfallen und vergangen war, aufgeteilt worden auf die größeren Orte. Da lag es also auf der Karte, das gesuchte Dorf. Groß war es nicht, aber wir wußten nun, wo es lag.
Tage später zogen wir hinaus: Von Oberau aus gingen wir der Höhe zu - und wußten doch noch gar nicht, was wir nun dort tun sollten, wie es "entdecken"? Da kam uns die Einsicht, daß "entdecken" heißt: im Boden suchen - und das Geheimnis freilegen. Wie es heute die Forscher tun, indem sie etwa Kirchengrundrisse im Erdreich freilegen. So mußten auch wir die Mauerreste im Acker finden! Ja, da standen wir, ohne Handwerkszeug, und überlegten. Da sahen wir nicht weit von uns einen Bauern den Acker pflügen. Ihn wollten wir fragen, weil wir glaubten, daß der Bauer mehr wisse als wir. "Wissen Sie, wo hier ein untergegangenes Dorf gelegen hat?" Er wußte von nichts. Aber nach einigen Fragen hin und her erzählte er in einem schönen Schlesisch: "Wenn iech do drieben ackern tu, - dutte, wo dar Boden asu schwoatz ihs, da kumm'n immer Stikkel und eemoal goar a Hufeesen. Do hoa ooch verkohltes Hulze. Ooch Eisenstikkel und eemoal goar a Hufeesen. Do hoa iech mer schunt uffte geducht, doaß und do muuß amoal anne Schmiede gewaast sein. Und's werd oo asu sein!" Er hatte recht, der Bauer: Der Boden zeigte Kohlenreste und Schlackengries. Hier konnte die Schmiede gestanden haben. Und neben ihr Höfe und Ställe. Wie waren wir nun froh, das verschwundene Dorf war "entdeckt"! Aber - war es nicht doch ein bißchen wenig, was wir nun wußten? Einige Zeit später erzählte uns auch ein anderer Bauer, die Grundmauern der Häuser müßten noch in der Erde drin stecken. Immer wieder kämen Ziegelstücke zutage, und sein Vater habe immer gesagt, an einer bestimmten Stelle da habe gewiß ein größeres Gebäude gestanden; er habe noch stets eine Mauer in der Tiefe gefunden. Dort habe er immer den Pflug über diese Mauer hinwegheben müssen. - Das war einleuchtend und es wird in Wirklichkeit schon so gewesen sein. Nun wußten wir es: hier lag "Ketzerberg". Und die Höhe 182, sie ist der Berg, der im Ortsnamen steckt. Wenn man nun weiter richtig "graben" würde, sachkundig, da müßten wir alles finden, Wege und Mauern, Grundrisse und Umfang und Gestalt des Dorfes (das übrigens wohl nur ein Vorwerk gewesen ist, zu einem der umliegenden Dörfer gehörig). Aber wir gaben die Sache mit "Ketzerberg" bald auf. Und gingen nicht mehr hinaus, ich weiß nicht mehr warum. Doch waren wir sicher, den Ort gefunden zu haben. Und wir waren sogar ein wenig stolz auf unsere Tat. Wir sahen das Dorf im Geiste vor uns: Gehöfte und Straßen, Gasthaus und Scheunen. Nur als uns Treblin dann eines Tages sagte, daß in dem kleinen Tümpel, der dort irgendwo im Gelände lag, die Kirche versunken lag, (die es doch in einem Vorwerk gar nicht gegeben haben konnte!) und daß in sehr trockenen Jahren der Wasserspiegel soweit absinke, daß die Kirchturmspitze aus dem Wasser herausschaue, ja, da erst wurde uns bewußt, wie wenig wir doch "erforscht" hatten! Und wie gut es Treblin doch verstand, uns auf gute Gedanken zu bringen, - uns aber auch zum besten zu halten! Im Franzosenhäusel in Lüben, unserem Wandervogel-Heim in den Jahren nach 1915, herrschte frohes Leben. Neben dem Fahrtenbetrieb spielte sich hier das innere Leben der Ortsgruppe ab. Da gab es Sprechabende, "Thing" genannt, was soviel wie heutzutage etwa Parlament bedeutet. Und Singnachmittage, Leseabende, auch Treffen im allerengsten Kreise. Zum Advent hängte ich dort zusammen mit Herbert Kornetzky den auf dem "Großen Exerzierplatz", am Rande des Geländes im Kieferngebüsch, gewundenen Kranz auf. Und zu Weihnachten 1915 spielten wir vor unseren Eltern und Freunden Walther Nithack-Stahns "Germanen-Weihnacht". Davon will ich berichten. Der Sinn dieses Stückes ist schnell erzählt: Die Germanen-Familie hielt gerade schlichte Weihnacht und stand um den Weihnachtsbaum mit Kerzenlicht herum (Obwohl es doch diesen Baum bekanntlich erst seit dem 17. Jahrhundert gab!). Trotzdem begrüßen unsere alten Germanen Baum und Licht mit erhobenen Armen und flehen zum Germanengott Wotan. Da tritt plötzlich ein Mönch in diesen Kreis. Der war zur Bekehrung der heidnisch-verstockten Germanen in unser Land gekommen und suchte den alten Götterglauben durch den christlichen zu ersetzen. Und das gelang ihm in erstaunlich kurzer Zeit, innerhalb von einer halben Stunde war diese sechsköpfige Familie bekehrt!
Nicht so originalgetreu sah die Germanentochter aus. Rudi Kuhtz (Sohn des Molkereidirektors) spielte sie. Er trug ein langes, schneeweißes Gewand! Dazu einen Goldreif im blonden Haar und sah aus wie ein Lübener Konfirmanden-Mädel. So waren alle echte Germanen. Besonders der Germanen-Vater Kurt Schiller, auf den ich nochmals zurückkommen muß. Er trug nämlich den einzigen Bart von uns allen. Er hatte dunkles Perückenhaar und einen ebenso dunklen Vollbart. Dieser hing ihm lang herunter, während ein Teil davon als Schnurrbart steif und stolz nach beiden Seiten herausstand. Allerdings als Germanenbart hatte er nicht ganz die richtige Farbe, denn die Germanen waren bekanntlich rothaarig! Vielleicht aber war er schon ein nicht mehr ganz "rassereiner Germane"? Vielleicht hatte er als Ostgermane bereits einen Tropfen Slawenblut von einem Vorfahren aus der Gegend von Rawitsch im Blute! Diese Familie hatte auch eine Mutter, - und die war ich! Treusorgend hatte ich mehr im Hintergrund zu wirken. Ich trug herrlich blondes Haupthaar, gescheitelt und in zwei Strähnen lyrisch über die Schultern nach vorn hängend und mich wirksam einrahmend. Als Gewand trug ich eine Tischdecke, auch schneeweiß, mit wenig sichtbaren, fein eingewebten rosafarbenen Rokoko-Ranken. Das ergab einen überzeugenden, zarten Gesamtton. Wir fanden das schön! War das jedoch nicht ganz originalgetreu, so war ich es vielleicht in anderer Weise: ich war schlank und groß. Aber mein Oberkörper sah doch nicht ganz fraulich aus. Später erfuhr ich, daß ein Zuschauer bemerkt haben soll, es wäre günstiger gewesen, wenn ich einen BH getragen hätte! Unsere drei Söhne sahen stolz aus. Sie trugen Pappringe um den Kopf, an die - mangels echter Adlerflügel - Gänse- und Hühnerflügel angeklebt waren. Und Holzschwerter hingen ihnen an der Seite. Sie waren die glaubhaftesten Gestalten von uns allen. Doch heute gestehe ich mir, daß das alles doch sehr nach Götterdämmerung aussah; nach Richard Wagner und Bayreuther Kostümstil. Glücklicherweise war uns jenes kritische Denken der heutigen Zeit noch nicht eigen, so daß wir uns frei und sicher bewegen konnten. Dann ging das Proben los. Ohne Kostümierung zunächst. Im Schülerzivil standen wir um den Weihnachtsbaum herum - der vorläufig durch einen unserer Bauernstühle angedeutet wurde. Und ich als Germanenmutter stand schon damals in Hosen da. Und wir schworen zu Wotan, ganz im Banne des Stückes; danach mußten unsere germanischen Männer Met trinken, "wie es das Textbuch befahl": aus einem Ochsenhorn. Dieses Stück fehlte uns aber damals noch. So halfen wir uns mit einem Bunzelkrug aus. Da geschah es, daß einer der Spieler bei einer Probe gefehlt hatte und nicht unterrichtet war - über die Technik des Trinkens. Und als wir alle den Becher nur zum Scheine an die Lippen führten, da trank er einen herzhaften Schluck. Der Unglückliche! Wir lachten alle, denn er wußte nicht, daß wir diesmal eine Vase benutzten, in der seit vielen Wochen ein Strauß mit Heidekraut gestanden hatte, das nun zu einer unbestimmten Brühe geworden war. Aber wir lachten nicht lange, denn das war wirklich ein bitterer Trunk! So probten wir bis kurz vor Weihnachten, - dann fand die Hauptaufführung statt. Dazu hatten wir unser Heim tüchtig geheizt, und unsere Gäste füllten den Raum so sehr, daß für uns Spieler nur noch wenig Raum auf der "Bühne" frei blieb. Es war unerträglich heiß! Und Kurt Schiller spielte seine Vaterrolle mit Händen und Füßen. Das tat er großartig, aber das war anstrengend; und als er dann für einen kurzen Augenblick hinter die Bühne kommen konnte, zog er, um sich etwas abzukühlen, schnell den auf den Ohren hängenden Bart nach unten, bis unter das Kinn. Nun hatte er Luft! Aber schon mußte er wieder auf der Bühne agieren und eilte vor den Vorhang. Er spielte frei weg! Doch unter den Zuschauern entstand da ein staunendes Schweigen. Es war gänzliche Ruhe; dann lächelten einige. Danach lachten alle, schließlich aber so laut und anhaltend, ja, auch wir Mitglieder der Familie, denn: der Germanenvater trug den Bart noch immer an der falschen Stelle! Unter dem Kinn standen die Schnurrbart-Enden steif zur Seite - und darunter klaffte das im Bart für den Mund ausgesparte Loch! Da hieß es schnell handeln, und da bewährte sich das mütterliche Element: mit einem einzigen Griff schob ich den Bart an die richtige Stelle. Und nun war unser erster Germane wieder perfekt! Und das Spiel nahm in überzeugender Weise seinen Fortgang. Doch das Mißgeschick waltete weiter. Wieder mußte der Met getrunken werden, diesmal aus einem richtigen Auerochsenhorn, das - lang und gewunden - schwer zu handhaben war. Der Vater, ungeübt im Alkoholgenuß, wußte nun zwar, daß diesmal Wasser das Horn füllte und hob es an den Mund, aber es kam nichts heraus. Er setzte steiler an - es kam wieder nichts. Das kam davon, daß er das Horn nicht drehte; aber wußten wir etwas von diesen Künsten! Beim dritten ganz steilen Ansetzen geschah das für die Zuschauer endlich einmal hochdramatische Ereignis: ein Schwall von Wasser, geradezu eine Welle, ergoß sich auf ihn. Auf Gesicht und Ziegenfell. Denn endlich hatte die Luftblase in das leer werdende Horn eindringen können. Wir lachten alle. Das war für alle Anwesenden ein Höhepunkt des Geschehens. Nur Kurt Schiller lachte nicht. Noch nicht. Er hatte erst die nasse Überraschung zu überwinden. Aber was machte das im Grunde einem echten Germanen aus?
Alle Erinnerungen und Bilder von Theo Dames. Mit einem Dank an Hartmut Dames für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.
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