Erinnerungen von Elli Beier
Gemeinde Mühlrädlitz














Diese handschriftlich vorliegenden Erinnerungen an Mühlrädlitz übermittelte mir Walter Kuche. Ihm gebührt der Dank, dass diese Aufzeichnungen nicht verlorengegangen sind. Wer kann uns etwas über die Verfasserin sagen oder gar ein Foto zur Verfügung stellen? Sie erzählt auch einiges vom Gut Mühlrädlitz. Offenbar war sie eines der Kinder einer Siedlerfamilie auf dem Gut. Wer weiß mehr über sie? Die meisten der von ihr genannten Personen sind übrigens auf der Seite der Mühlrädlitzer Einwohner zu sehen!

Erinnerungen an Mühlrädlitz von Elli Beier

Gasthof Seidel in Mühlrädlitz

Wir hatten zwei Gaststätten mit großen Tanzsälen. Neben der Schule war in den zwanziger Jahren Seidel. Familie Seidel verpachtete dann für ein paar Jahre, bis etwa 1932-33 an Frau Niskiewicz. Seidels hatten nur eine Tochter. Als dieses dann den Eduard Hagenloch heiratete, übernahmen sie die Gaststätte selbst. Bei schlechtem Sonntagswetter oder im Winter übten wir Kinder dort im Saal unsere Volkstänze für besondere Anlässe oder auch unsere Weihnachtsspiele. Ich weiß nicht, wieso das alles bei Hagenloch gemacht wurde. Es war dort alles sehr schön. Es gab ein elektrisches Klavier und das Parkett lag auf Federn. Es war immer so lustig beim Hüpfen, wenn sich alles etwas bewegte. Im Herbst bei der Kirmes stand im Hausflur ein Pasch-Tisch und wir Kinder durften am Sonntagnachmittag dabei sein. War das Wetter schön, stand die Saaltür auf und wir Kinder durften zusehen, wie die jungen Leute tanzten. Wenn wir ganz still waren, durften wir uns auch neben der Tür auf die Stühle und Bänke setzen. Die jungen Mädchen hatten immer so schöne Kleider an!

Die zweite Gaststätte war eine Tafernwirtschaft. Heute entspräche das ungefähr einem Motel. Gegenüber der Gaststätte war ein langes Gebäude mit Ställen für Pferde. Da es zu der damaligen Zeit so gut wie keine Autos gab, wurden alle Waren mit Pferd und Wagen befördert. Dies nahm manchmal mehrere Tage in Anspruch. Die Kutscher übernachteten dann mit den Tieren in dieser Tafernwirtschaft. Sie konnten dort auch warm essen. In den mittleren zwanziger Jahren gehörte diese Wirtschaft mit Lebensmittelgeschäft der Familie Paul Sündermann. Mein Opa ging bald täglich mit mir dorthin. Es war immer sehr lustig.

Sündermanns Warenhandlung und Post.

Bald übernahm Familie Sündermann die Post und Familie Ludewig die Wirtschaft. Etwa 1933/34 starb Frau Ludewig und Willi Ludewig heiratete die Witwe Ida Jentsch mit den Söhnen Herbert und Günter.
Es kam noch eine gemeinsame Tochter Gerda hinzu. Herr Ludewig hatte auch einen eigenen Sohn Herbert. Dieser war aber etwa 10 Jahre älter als der 1925 geborene Herbert Jentsch. Auch Ludewigs hatten einen Saal, nicht so groß und mit Federparkett. Aber Anfang der dreißiger Jahre wurde dieser vergrößert und dann alles so wie bei Hagenloch, nur eben dass ein Lebensmittelgeschäft dabei war und im Sommer die große Kirmes mit Schaukel und Karussell dort abgehalten wurde. Auch im Herbst wurde Kirmes wie bei Hagenloch mit nur einem Pasch-Tisch im Hausflur und Tanz abgehalten. Und im Frühjahr war an je einem Sonntag Maskenball und wir Kinder durften auf der Treppe der oberen Etage stehen und den Maskenzug am frühen Abend miterleben. Dann aber schnell ins Bett.

Heidrich's - später Artur Ende's - Warenhandlung

Neben der Gaststätte Ludewig war noch ein Lebensmittelgeschäft von Familie Heidrich. Da aber die Tochter das Geschäft nicht wolle, wurde es verkauft. Es war Anfang 1930/31. Viele Jahre kam ein grüner Planwagen mit zwei Pferden von Ibsdorf bei Steinau nach Mühlrädlitz, also über die Dörfer, der Mann und die Frau hatten ein großes Tuch auf dem Rücken, worin sich allerlei Textilien befanden, welche von Haus zu Haus zum Kauf angeboten wurden. Diese Leute hießen Familie Artur Ende. Sie hatten Zwillinge, Werner und Alfred, geb. 1920. Die Leute übernahmen das Geschäft von Frau Heidrich. Es wurde bald umgebaut und vergrößert und man bekam außer Lebensmitteln auch alles Geschirr, Wäsche und Bekleidung.

Bis nach dem ersten Weltkrieg hatten wir einen Fleischer Schneider. Da die Leute nur eine Tochter hatten und diese den Willi Thiel heiratete, welcher, wie ich durch meine Muttel weiß, bei Metzger Schneider beschäftigt war, wurde die Metzgerei an Familie Thiel übergeben. Diese hatten jetzt zwei Söhne - Ernst geb. 1920 und Kurt geb. 1922. Keiner der Söhne erlernte das Metzgerhandwerk. Somit ging das Geschäft an den langjährigen Gesellen Willi Spahl. Familie Thiel hatte noch vor der Flucht in Vorderheide gebaut.

Es waren zwei Schreiber-Bäcker im Oberdorf neben dem Hof von Wilhelm Rosemann. Schreibers hatten eine Tochter und zwei Söhne. Der jüngere, ich glaube Walter, war 1920 geboren. Als er die letzten Jahre zur Schule ging, starb seine Mutter bei einer schweren Operation.

Artur Ende's - früher Heidrich's - Warenhandlung

Der zweite Bäcker in der Dorfmitte hieß Kätzler. Herr Kätzler gehörte zu den fünf Vermissten des ersten Weltkrieges aus unserem Dorf. Die Familie hatte drei Kinder, Sohn Alfred, er war unser Bäcker, Tochter Minna und Tochter Hannchen. Diese hatte ein Hüftleiden und war dadurch etwas gehbehindert.

Es war eine feine Bäckerei! Bei Hochzeiten war großer Backbetrieb. Alles wurde damals daheim fertiggemacht und zum Bäcker getragen, um es backen zu lassen. Auch bei anderen Festen und Feierlichkeiten war es so. Samstags wurde der Sonntagskuchen zum Bäcker gebracht und einmal in der Woche das Brot. Nur ganz wenige Haushalte hatten einen eigenen Backofen, da es ja noch keine Elektroherde gab. Brötchen wurden nicht gekauft, nein, es waren Semmeln. Da gab es welche mit zwei Brötchen aneinander, das kostete 5 Pfennig. Die mit fünf Brötchen aneinander 10 Pfennig. Alles schmeckte!

Damit auch die Leute der Nachbardörfer, wo kein Bäcker war, Ischerey und Rädlitz, versorgt wurden, fuhr Frau Burghardt aus Ischerey einige Male in der Woche mit einem großen Handwagen die Ware zu den Leuten. Es wäre doch zeitraubend gewesen und manche Arbeit unerledigt geblieben, bis 5 km einkaufen zu gehen oder mit dem Rad zu fahren, vor allem wegen nur einem Brot! Wer hatte schon ein Auto damals?

Schmiedemeister August Lindner 1879-1961

Der Schmiedemeister August Lindner sorgte für Fahrräder in seinem Geschäft und alle Zusatzteile. Wenn in seiner Schmiede die Funken sprühten, standen wir Kinder gern und sahen von weitem zu. Viel Vorarbeit besorgte der Stellmacher Jelsch im Niederdorf, welcher alle Holzarbeiten für die Dorfbewohner erledigte.

Besen und Körbe fertigte oder reparierte der Korbmacher Schulz im Niederdorf. Er schnitt an den Gräben, welche durch die Wiesen flossen, die gelben Gerten und Äste und verarbeitete die dünnen zu Körben und die dicken Stengel-Äste zu allerlei Hacken und Schaufelstielen. Die Besen wurden aus Birkenreisern angefertigt.

Sattlermeister Willi Winter in der Dorfmitte fertigte und reparierte alle Ledersachen für Haus und Landwirtschaft außer Schuhe. Dafür hatten wir die Schuhmacher Schliebs und Müller.

Kunststoff war fremd. Alles, was man benötigte als irgendwelche Behälter, war aus Metall, Korb oder Holz. Deshalb brauchte man den Böttcher. Bei uns war es Herr Stütze. Eimer, Wannen, Fässer und was so noch anlag, konnte jeder bei ihm machen lassen. Auf der anderen Wegseite war ein Altwarenhändler, damals sagte man Lumpenhändler. Es war Familie Leopold.

Damit niemand im Dorf die geernteten Getreidekörner ganz essen und verfüttern musste, hatte der Müller Hoffmann auf dem Mühlberg seine Windmühle. Die Flügel wurden nach dem Wind gedreht und die Arbeit nahm ihren Lauf. Im Winter diente dieser Berg als einziger in unserem Dorf den Kindern als Schlittenbahn. Zu diesem Zweck benutzten wir auch den festgewordenen Teil der großen Sandgrube. In den einen Teil, aus dem die Leute den Sand für alle anfallenden Zwecke wegholten, durften wir wegen der großen Gefahr des Verschüttetwerdens nicht hin. Der schon erwachsene Sohn des Bauern Zahn hat mit zwei Pferden und Wagen Sand geholt. Beim Aufladen rutschte der Sand nach, da die Grube sehr tief war, und begrub den jungen Mann unter sich. Er war tot.

Für alle Installationsarbeiten sorgte ab 1935 Alfred Rohr. Davor war es ein anderer Mann gewesen, der jedoch keine Kinder hatte und den Betrieb aufgab. Dachdeckerarbeiten erledigten Herr Heinsch und Herr Knobloch. Wer seine Anstreicharbeiten nicht selbst erledigen konnte, bestellte den Maler Kleinert. Tapeziert wurde damals eigentlich gar nicht. Aber die Wände wurden mit Hilfe von Schablonen kunstvoll bemalt. In den zwanziger Jahren hatten wir noch zwei Schreiner. In dem letzten Haus auf der linken Seite zum Friedhof war ein ganz kleiner Betrieb. Später war es aber nur noch Familie Humpich in der Dorfmitte. Dort wurde von den Möbeln über Fenster und Türen bis zum Sarg alles angefertigt. Da ja im Winter überall fette Schweine hausgeschlachtet wurden und eine Gesundheitskontrolle der Tiere Vorschrift war, brauchte man den Fleisch- oder Trichinenbeschauer. Dies machte Ernst Lindner, der Bruder von unserem Schmiedemeister.

Damit der Nachwuchs im Dorf und in den Nachbardörfern gesund und wohlbehalten das Licht der Welt erblickte, sorgte dafür unsere Hebamme Frau Friedrich. Sie war gut beleibt, aber sehr lieb und beweglich. Alle Wege, selbst durch den Wald erledigte sie mit dem Fahrrad. Im Winter holten sie die Leute, so gut es ging mit Pferd und Wagen oder dem Pferdeschlitten. Ihr Mann arbeitete in dem 7 km entfernten Vorderheide an der Bahn.

Wilhelm Rosemann 1870-1964

Nachts sollte ja auch alles in Ordnung sein, auch ohne helle Straßenbeleuchtung. Dafür sorgte unser Nachtwächter Herr Puschmann mit seinem treuen Hund. Tags kam ab und an mal der Polizist aus Herzogswaldau auf seinem braunen Pferd in grüner Uniform mit Tschako durch das Dorf geritten. Warum hatten wir Kinder eigentlich solche Angst vor ihm?

Für alle amtlichen Registrierungen sorgte der Standesbeamte und Großbauer Wilhelm Rosemann. Bei seinem Sohn Artur konnte sich jeder für die Nachwelt ablichten lassen, denn er war Fotograf und früher knipste doch niemand selbst!

Für das gute Aussehen der Herren sorgte Artur Zingler. Nach seiner Heirat kümmerte sich seine Frau Frieda um die Locken der Damen. Sie hatten eine Frisörgeschäft.

Herr Schneidermeister Ludwig passte den Herren gute Garderobe an, auch den Damen Mantel und Kostüm. Wir hatten auch drei Damenschneiderinnen! Frau Winter, Frau Scholz und Marta Knorr.

Für die Gesundheit im Dorf und den umliegenden Orten sorgte Herr Dr. Wernicke. Bis Ende der zwanziger Jahre alles mit Fahrrad, später mit Chauffeur, etwa 1935 verlegte er seine Praxis nach Vorderheide in das neue Haus und wir hatten einen Arztweg von 7 km. Hans-Helmut geb. 1922 und Wolfgang geb. 1925 gingen vier Jahre mit uns in die Schule. Dann kamen beide ins Internat.

Etwa 1933/34 bekamen wir auch einen Zahnarzt. Er hatte Wohnung und Praxis in dem Kreishaus an der Straße nach Ischerey. Die Familie Reichpietsch kam von Lüben und war katholisch. Wir hatten im Dorf nur noch eine katholische Familie Zerzauski mit drei Kindern, Luzia, Elisabeth und Hubertus.

Ernst Kuche's Gasthaus zur grünen Eiche

Damit die Straße von einer Ortsgrenze zur anderen in Ordnung war, hatten wir den Straßenmeister Richard Franke. Er erledigte auch alle Wege auf dem Fahrrad. Die meiste Zeit musste er es schieben wegen des vielen Werkzeugs, welches sich am Fahrrad befand. Außerhalb des eigentlichen Dorfkerns standen beiderseits der Straße bis zu den Grenzen schöne große Ahornbäume. Sie waren gut ausgesägt und mit der Hacke umrandet. Vor jedem Baum stand ein großer Stein, weiß angestrichen.

In bestimmten Feldern der Baumabstände wurden im Sommer schön geformte Sandhügel angehäuft, welche wir Kinder - ganz zum Leidwesen von Herrn Franke - schon mal gern zum Spielen benutzten. Diesen Sand brauchte der Straßenmeister für den Winter zum Streuen. Es gab keine Streuwagen. Mit Sand und Schaufel wurde die Straße über viele Kilometer, so gut es ging, rutschsicher gehalten. Herr Amtsvorsteher Nehring wohnte in Niederdorf. Die Familie zog 1928/29 nach Gugelwitz.

Für Wald und Fischteiche war Förster Köhler zuständig. Er bewohnte ein schönes Haus auf einer Waldwiese abseits des Dorfes. Er war nicht sehr beliebt, da er des Öfteren Kindern wie Erwachsenen Beeren und Pilze ausschüttete und vernichtete. Es ging ihm nicht um das Gesammelte allein, nein, es ging um Geld. Wer im Wald Pilze, Beeren und Holz sammeln wollte, benötigte einen Genehmigungsschein von ihm. Aber dieser kostete Geld! Aber wer hatte früher schon Geld? Noch dazu für einen Schein von einem Förster?!

Im Dorf waren drei große Bauern, die Brüder Martin und Wilhelm Rosemann und der Bauer Tietz. Zahns hatten auch noch einen größeren Hof. Als die Eltern starben, blieben Bruder und Schwester ledig. Der jüngere Bruder war ja, wie ich schon erwähnte, in der Sandgrube verunglückt. Auch bei Zahn im Niederdorf wurde mit zwei Pferden gearbeitet. Die weniger Land besitzenden Leute fuhren mit nur einem Pferd. Es waren im Niederdorf Schiffner, früher Neumann, Gutsche und Kluge, im übrigen Dorf waren es Mai, Titze Willi, Hoffmann, an der Wassermühle Unte, Preuß, später - , Märschel, Winter, Müller. Zahn am Gugelwitzer Weg.

Anzeige im Liegnitzer Tageblatt vom 26./27.10.1940

Wer nur wenig Besitz hatte, fuhr mit 2 Milchkühen, so Korbmacher Schulz und Stellmacher Jelsch. Frau Mann am Hedwigsbrunnen fuhr ebenfalls mit einem Pferd. Bauer Schmidt hatte auch einen größeren Hof, er hatte auch zwei Pferde. Altwarenhändler Leopold und im Niederdorf Frau Schulz hatten auch zwei Pferde für geschäftliche Zwecke. Ein paar Männer fuhren nach Dittersbach in die Ziegelei oder arbeiteten auf dem Gut.

Neben der Schule war eine schöne Gärtnerei. Bis in die ersten dreißiger Jahre gehörte sie Familie Gressenberg. Die hatten den frechen Sohn Werner und Tochter Gerda, genannt Mausi. Die Familie zog nach Gugelwitz, ebenfalls in eine Gärtnerei. Zur Zeit Gressenbergs war an der Straßenseite in der Gärtnerei die Post untergebracht. Die wurde aber später verlegt. Man machte etwas tiefer an das größere Haus vorn einen Umbau und die Post wurde geräumig. Geführt wurde diese von Familie Sündermann, nachdem diese die Tafernwirtschaft an Familie Ludewig verkauft hatten.

An dem Wald nach Dittersbach, weit außerhalb unseres Dorfes, lag der Friedhof. Dieser war mit einer Ziegelmauer umgeben. Soviel Arbeit die Leute alle auch hatten, der Friedhof war schön gepflegt. In der kleinen Kapelle wurde allerdings niemand aufgebahrt. Wer irgendwie Platz hatte, bahrte den Toten daheim auf. Die Trauerfeier war somit im oder vor dem Haus, am offenen Sarg, so gut es ging. Der Schulchor sang unter Leitung von Kantor Krahn (?) am Haus wie auch am Grab je eine Arie eines Sterbeliedes. Da der Weg sehr weit war, waren acht Träger, auf halbem Weg war Trägerwechsel, Blumen und Kränze wurden von den Leuten des Dorfes, den Trauergästen, bis zum Friedhof getragen. Es wurde gepredigt, gebetet und gesungen und alles ging nach Haus, nicht wie heut, dass der größte Teil der Teilnehmer in ein Lokal zum Kaffee und Imbiss geht.

Gutshaus/Schloss Mühlrädlitz um 1940

In der Mitte des Dorfes war der große Gutshof. Die Gebäude waren rund um die alte Wasserburg, welche noch ganz gut erhalten war, gebaut. Zum Gut gehörten 20-22 Familien, welche auch dort Wohnung hatten. Den Sommer über kamen einige Familien des Dorfes auch auf das Gut zum Arbeiten. Im Winter gingen sie dann zum Stempeln bis zum nächsten Frühjahr. Wir Kinder des Gutes, auch ein paar des Dorfes, arbeiteten schon ab 7 Jahre mit. Nach der Schule ging es von
13-19 Uhr zum Steine auflesen, Disteln ausstechen, das damalige Unkraut wie Kornblumen, Kornrade, Klatschmohn und den gelben Hederich aus dem halbhohen Getreide und den Kartoffeln ziehen. Rücken und Hände taten weh. Die Hände hatten wie auch die Nägel alle Farben, nur nicht die richtige. War das Getreide gemäht, trugen wir die mitunter doch schweren Garben zu langen Reihen zusammen, wo die Garben dann zum Trocknen aufgestellt wurden.

Bei der Kartoffelernte halfen wir ebenfalls. Es war eine Freude, wenn hinter der Rodemaschine die vielen schönen Kartoffeln ans Tageslicht kamen. Allerdings gab es auch Tränen, wenn der doch noch so junge Rücken schmerzte.

Rübenernten war dann das letzte im Jahr. Aber ebenfalls eine schwere Arbeit. Die Haut der Hände platzte auf und blutete, denn es gab keine Arbeitshandschuhe. Da wir ja bei der Arbeit eine große Schar Kinder waren und beaufsichtigt werden mussten, ging täglich ein alter Mann oder eine alte Frau mit uns. Es waren Leute, die für andere Arbeiten zu alt waren. Für unsere Arbeit bekamen wir einen kleinen Lohne, je nach Alter und Leistung. Es gab für eine Stunde zwischen 5 und 12 Pfennig. Samstags zwischen 12 und 13 Uhr war Auszahlung.

War die Getreideernte gut eingebracht, gab es einen Sonntagnachmittag ein großes Erntefest. Auch für die Kinder gab es Kuchen und Gerstenkaffee mit Milch. Schon Samstag wurde der ganze Gutshof gefegt, die Wagen standen in Reih und Glied wie Soldaten. Tore und Türen wurden für den Umzug verschönert, natürlich auch die Pferde. Am Sonntag bei dem Umzug, danach bei Kaffee und Kuchen sowie Tanz und Kinderbelustigung gab es nur glückliche Menschen. Am Montag hatte jeden der Alltag wieder.

Wir Kinder machten unsere Hausaufgaben alle Tage erst, wenn wir müde von der Arbeit nach Hause kamen. Das Gut hatte einen großen Viehbestand. Bis etwa 1928/29 war die Melker- oder Schweizerfamilie Ellen für alle Rinder zuständig. Die Familie hatte eine Tochter Ellen und zwei Söhne, die schon mitarbeiteten. Damals hatte das Gut noch eine eigene Molkerei. Familie Niskiewicz war für die Molkerei zuständig. Später wurde die Milch mit dem Auto nach Liegnitz gebracht. Familie Niskiewicz übernahm die Gaststätte Seidel. Schweizerfamilie Ellen zog weg. Für kurze Zeit kam Schweizer Konschelle, der aber recht bald die Arbeit aufgab und in das Oberdorf-Gemeindehaus zog, wo auch Familie Zwania wohnte. Als nächster Schweizer kam Familie Schluchter mit ihren zwei Söhnen Werner geb. 1921 und Helmut geb. 1930. Sie verwalteten die Tiere bis zur Siedlung des Gutes.

Zum Gut gehörte eine sehr große Schweinezucht. Viele Fohlen kamen zur Welt, extra Pferde für die verschiedenen schönen Kutschwagen. Eigene Schmiede sowie Stellmacherei, früher sogar Brennerei mit Kartoffelflockenfabrik. Auf dem hohen nicht mehr benutzten Schornstein fand sich alle Jahre ein Storchenpaar ein. Das Licht des Gutes wurde selbsterzeugt in dem sogenannten Kesselhaus. Auch Wasserleitung war auf dem ganzen Gut. Zwei riesige Traktoren sorgten für die Bearbeitung des teilweise sehr schweren Bodens. Mit einer Dampfmaschine bewegte man das Getriebe der Dreschmaschine. Da auch eine große Jagd zum Gut gehörte und auch im Sommer Tiere geschossen wurden, war ein sehr großer Eiskeller vorhanden. Dieses Eis wurde im Winter auf den gutseigenen Fischteichen gebrochen, mit Pferd und Wagen in mühsamer Arbeit in den Keller gebracht. Auch wurde dieses Eis zur Kühlung der Milch benötigt. Es gab ja noch keine elektrischen Anlagen.

Schule Mühlrädlitz

In die Schule gingen wir Kinder in unserem Dorf. Aus dem kleinen 2 km entfernten Ischerey mussten die Kinder alle Tage zu uns kommen, selbst die ganz kleinen, ob Gewitterregen oder Eis und Schnee, wir waren eine Gemeinde. Unsere Schule hatte zwei Lehrer und zwei Klassenräume. Erstes und zweites Schuljahr kamen am Nachmittag, morgens war das dritte und vierte Schuljahr in dieser Klasse. Ebenfalls bei Lehrer Kupfer, den ich aber nicht gemocht habe. Er war sehr böse und sagte stets, wie in Liegnitz alles in der Schule gewesen wäre und wäre er doch dort geblieben.

In dem anderen Klassenraum unterrichtete Kantor Tschirschwitz. Der war auch streng, aber mir viel lieber. Er hatte die Schuljahre 5-8. Wir kamen und gingen aber alle gleichzeitig. Wir hatten geteilte Fächer und Aufgaben, einiges auch gemeinsam. 1936 ging er in Pension, nachdem sein jüngster Sohn Heinz 1935 die Schule beendet hatte. Es waren noch vier ältere Geschwister da.

Wir hatten einen großen Schulhof. Aber in der Pause war er für so viele Kinder doch zu klein. Aber bis auf einen Armbruch eines kleinen Jungen ist in meinen acht Schuljahren nichts passiert.

Kirche zu Mühlrädlitz

Eine Kirche hatten wir, aber keinen eigenen Pastor. Dieser wohnte in Großreichen. Unsere beiden Kirchen gehörten zusammen. Der Pastor Heim kam mit Pferd und einem schönen Wagen. Mit seiner Tochter Renate bin ich am 22.3.1936 in Großreichen konfirmiert worden. Bei der Konfirmation war alle zwei Jahre Wechsel der beiden Kirchen wie auch beim Reformationsfest.

In den Wintermonaten mussten wir jede Woche einen Nachmittag zum Konfirmandenunterricht nach Großreichen, etwa 3 km durch den Wald. Da gab es keinen Wechsel. Im Winter war es vor allem bei tiefem Schnee und der früher kargen Schneeausrüstung sehr beschwerlich. Die Jungen zogen, wer konnte, Vaters Stiefel an und traten damit einen Steg. Wir Mädchen gingen dankbar in dieser Spur, kamen aber trotzdem mit Eiszapfen an Strümpfen und Mänteln in Großreichen in der Schule an. Nach zwei Stunden Religionsunterricht, aufgewärmt und mit einigermaßen angetrockneten Sachen machten wir uns auf den Heimweg. Immer in der Hoffnung, dass nächste Woche das Wetter besser wäre.

Elli Beier, Mühlrädlitz